Partizipation in der Krippe – Demokratiebildung von Anfang an
Ein Kind, knapp 14 Monate alt, sitzt am Mittagstisch und isst nicht. Es schüttelt den Kopf, als die pädagogische Fachkraft versucht, es zu füttern und dreht das Gesicht weg. Was tun? Es weiter versuchen, schließlich muss das Kind ja essen? Oder innehalten, das Signal ernst nehmen und sich fragen: braucht das Kind grade wirklich Unterstützung? Ist es schon satt? Oder möchte es vielleicht lieber weiterhin im eigenen Tempo probieren, allein zu essen?
Genau solche alltäglichen Momente sind der Kern von Partizipation in der Krippe. Partizipation bedeutet Teilhabe, Teilnahme und Beteiligung. Und das Recht darauf haben Kinder nicht erst dann, wenn sie sprechen können – es gilt von Geburt an. In der Krippe heißt das konkret: Kinder werden als Persönlichkeiten mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Rechten ernst genommen, auch wenn sie diese noch nicht in Worte fassen können. Im feinfühligen Beobachten und im Dialog zwischen Fachkraft und Kind werden auch nonverbale, körperliche Signale respektiert und aufgegriffen.

Partizipation – ein Recht mit Wirkung
Das Recht auf Partizipation ist gesetzlich verankert. Die UN-Kinderrechtskonvention hält in Artikel 12 fest, dass Kinder, die fähig zur Meinungsbildung sind, das Recht auf freie Meinungsäußerung haben, und dass ihre Meinung in allen sie betreffenden Angelegenheiten altersangemessen berücksichtigt werden muss. Auch das Achte Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII) schreibt in §8 vor, dass Kinder und Jugendliche „entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen“ sind. Die Bildungspläne der Länder greifen diese Vorgaben auf – Kinder sind Rechtsträgerinnen und Rechtsträger, Erwachsene sind Verantwortungstragende.
Partizipation im Krippenalter: Was bedeutet das konkret?
Kinder im Krippenalter sprechen noch nicht oder fangen damit gerade erst an. Sie können ihre Gefühle noch nicht allein regulieren, sondern brauchen enge Bezugspersonen zur Ko-Regulation. Gleichzeitig streben sie mit großer Energie nach Autonomie und Selbstständigkeit: Wer einmal einem zweijährigen Kind beim Anziehen zugeschaut hat, weiß, was gemeint ist.
Rehmann (2016) nennt drei Besonderheiten, die in Bezug auf Partizipation in der Krippe wichtig sind:
- Nonverbale Kommunikation: Kinder zwischen o-3 Jahren sprechen noch nicht oder noch wenig, sie äußern ihre Bedürfnisse oft durch Mimik, Körpersprache oder Verhalten. Diese Signale müssen aufmerksam wahrgenommen und berücksichtigt werden, damit auch nichtsprachliche Partizipation stattfinden kann.
- Assistenz- und Pflegesituationen: Das Wickeln, An- und Ausziehen sowie die Unterstützung beim Essen sind Besonderheiten in der Arbeit mit sehr jungen Kindern. Hier müssen Partizipationsmöglichkeiten gefunden werden, damit Kinder ihrem Entwicklungsstand entsprechend Einfluss nehmen und diese sehr persönlichen Situationen mitgestalten können.
- Streben nach Autonomie: Krippenkinder möchten zunehmend selbstständig handeln und in ihrer eigenständigen Persönlichkeit anerkannt werden. Fachkräfte unterstützen dies, indem sie Bedürfnisse und Anliegen der Kinder ernst nehmen und selbstständiges Handeln und Ausprobieren ermöglichen.

Diese Besonderheiten zeigen, dass in Hinblick auf Demokratiebildung in der Krippe vor allem partizipative Beziehungs- und Interaktionsgestaltung wichtig ist. Krippenkinder erfahren Demokratie als Lebensform und Form der Organisation von Gemeinschaft, wenn sie sich selbst als Subjekte mit eigenen Rechten und Bedürfnissen ernst genommen fühlen. Aushandlungen und Problemlösungen im pädagogischen Alltag sind dabei so gestaltet, dass sie einen ihrem Entwicklungsstand entsprechenden aktiven Part einnehmen können (Rehmann, 2016).
Eine partizipative Umgebung gestalten
Partizipation ist nicht nur rechtlich geboten, sie ist auch pädagogisch wirksam. Wenn Kinder erleben, dass ihre Signale wahrgenommen werden, dass ihre Bedürfnisse zählen und dass sie ihre Umgebung mitgestalten können, erfahren sie Selbstwirksamkeit. Sie lernen, eigene Bedürfnisse zu erkennen, auszudrücken und – mit der Zeit – die Bedürfnisse anderer zu verstehen und in Aushandlung zu gehen. Und sie entwickeln Kompetenzen, die für ein demokratisches Miteinander unerlässlich sind: Empathie, Frustrationstoleranz, Kompromissbereitschaft, Konfliktlösung und die Übernahme von Verantwortung. Damit ist Partizipationserleben zugleich die Grundlage für Demokratiebildung. Nur in der unmittelbaren Erfahrung eines demokratischen Miteinanders und im eigenen Erleben von Beteiligung entwickeln sich die zentralen Kompetenzen. (Mehr zu diesem Thema finden Sie in unserer Kategorie Demokratiebildung)
Partizipation in der Krippe bedeutet vor allem, alle Aspekte des pädagogischen Alltags möglichst partizipativ zu gestalten. So entsteht eine insgesamt partizipative Umgebung, die sich besonders im sprachlichen und nichtsprachlichen Verhalten der Fachkräfte ausdrückt und das soziale Miteinander, die Interaktion mit den Kindern aber auch die Raum- und Materialgestaltung bestimmt.

Partizipationsfördernde Handlungsweisen, die eine partizipative Umgebung ausmachen, sind vor allem (Hildebrandt und Pergande, 2021):
Individualität anerkennen: Jedes Kind wird als Individuum wahrgenommen, mit gleichen Rechten und eigenem Autonomiebedürfnis. Das gelingt zum Beispiel durch: wertschätzende Kontaktaufnahme zum Kind; aktives Zuhören; Spiegelung der Äußerungen; Anerkennung von Emotionen, Wünschen und Grenzen; Aufgreifen der Signale; Folgen des Aufmerksamkeitsfokus; Folgen und Benennen der Handlungen; Respektieren von Grenzsetzungen durch Wahrnehmung und Verbalisierung von Signalen aber auch von Ablehnung und Widerstand des Kindes.
Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen: Die pädagogischen Fachkräfte schaffen Situationen, in denen Kinder sich als Handelnde selbstwirksam erleben. Dies bedeutet beispielsweise, die Kinder zu eigenen Initiativen und Handlungen zu ermutigen, Handlungsabsichten zu verbalisieren und nur zu unterstützen, wo Unterstützung nötig ist. Zum Ausprobieren noch unbekannter Handlungen einzuladen, Kindern Zeit und Raum zu lassen, Handlungen auf ihre eigene Weise durchzuführen, die räumliche und materielle Umgebung für Kinder selbständig bewältigbar zu gestalten.
Rationalität zuschreiben: Die Fachkraft macht das eigene Verhalten vorhersehbar und nachvollziehbar und unterstellt den Kindern Rationalität. Damit das gelingt, müssen Kinder ermutigt werden, Emotionen, Wünsche und Überzeugungen auszudrücken. Außerdem sollte die Fachkraft Vorbild sein, und das eigene Innere durch verbalisiertes Nachdenken, Wünschen, Abwägen, Vermuten für die Kinder erlebbar machen. Abwägungsprozesse, Regeln und Entscheidungen sollten nachvollziehbar und transparent sein.
Die Autonomie der Anderen erlebbar machen: Die Fachkraft macht das Bedürfnis der Anderen nach Selbstbestimmung nachvollziehbar. Dazu gehört, unterschiedliche Perspektiven zu verdeutlichen, indem Unterschiede und Gemeinsamkeiten benannt werden, Bedürfnisse und Gefühlsausdrücke anderer Kinder verständlich gemacht und damit Perspektivwechsel ermöglicht werden, Kinder in Kontakt gebracht und ihnen gegenseitig Handlungsabsichten und Initiativen anderer Kinder verständlich gemacht werden.
Wie gestalte ich die Krippe als „partizipative Umgebung“? – drei Beispiele:
Raumgestaltung: „Ich finde mich zurecht und kann alleine entdecken.“
Ein partizipativer Raum lädt Kinder ein, eigenständig zu entdecken und so selbständig wie möglich zu handeln. Das fängt bei einfachen Dingen an: Eine Treppe am Wickeltisch, so dass die Kinder selbst draufsteigen können. Niedrige Garderoben und Eigentumsfächer, damit Kinder die Jacke selbst anziehen und ihre persönlichen Gegenstände erreichen können. Stühle in passender Höhe, um das Schuhanziehen zu lernen.

Krippenkinder erkunden ihre Umgebung und sind neugierig. Die Exploration wird angeregt durch Spielmaterial auf Augenhöhe, das gut sichtbar und erreichbar ist. Die Auswahl der Materialien sollte die aktuellen Interessen der Kinder aufgreifen. Bei der Orientierung helfen Piktogramme oder Bilder im Raum und auf den Materialien. Gibt es vielfältige Materialien, die zum Ausprobieren anregen und die die Kinder ohne Unterstützung von Erwachsenen erreichen und benutzen können? Ist der Spielort frei wählbar, stehen alle Räume und der Außenbereich möglichst immer für das Spielen zur Verfügung?
(Mehr zum Thema Raumgestaltung können Sie in unserem Blogartikel „Räume, die einladen: Wie Lernumgebungen Bildungsprozesse unterstützen“ lesen).
Mahlzeiten: „Ich kenne meinen Körper und kann darüber bestimmen.“
Mahlzeiten sind im Krippenalltag oft unterschätzte Partizipationssituationen. Dabei bieten sie täglich mehrfach die Möglichkeit, Kindern echte Entscheidungen zu lassen und sie bei der Wahrnehmung ihrer körperlichen Bedürfnisse gut zu begleiten: Möchte ich mehr? Bin ich satt? Will ich lieber das Brot oder den Joghurt zuerst? Was schmeckt mir, was möchte ich probieren, was nicht?
Oft sind Essenssituationen hektisch und sehr durchstrukturiert. Partizipativ werden sie, wenn eine angenehme, ruhige Atmosphäre herrscht und anregende Tischgespräche – zu Fragen und Themen, die die Kinder beschäftigen – stattfinden. Das Erleben von Autonomie wird ermöglicht, wenn die Kinder beim Vorbereiten helfen, selbst Essen auftun und Getränke einschütten, so selbständig wie möglich essen dürfen, sich selbst oder mit angemessener Unterstützung Mund und Hände sauber machen und aufräumen.

Interaktion: „Ich werde ernst genommen, meine Gedanken sind wichtig.“
Gelingende Interaktion ist zentrales Merkmal einer partizipativen Umgebung in der Krippe, denn sie durchzieht den gesamten pädagogischen Alltag, die Beziehungsgestaltung und die Kommunikation der Fachkräfte und Kinder. Um partizipative Interaktion umzusetzen, sind Augenhöhe, Anregung und Dialog wichtig. Finden Gespräche zwischen Fachkräften und Kindern vorwiegend auf Augenhöhe, mit Blickkontakt statt? Fühlen Kinder sich ernst genommen, in ihren sprachlichen Äußerungen und auch in Gesten, Lauten und Körpersignalen? Werden sie bei der Wahrnehmung und beim Ausdruck von Gefühlen und Bedürfnissen unterstützt? Interessieren Fachkräfte sich für ihre Themen und denken mit ihnen gemeinsam über spannende Fragen nach? Greifen sie Impulse und den Aufmerksamkeitsfokus von Kindern, die noch nicht so viel sprechen, auf und folgen ihnen?
Erste Schritte in Richtung Gruppenentscheidungen: formale Partizipationsangebote
Formale Beteiligungsformate, wie sie aus dem Kindergarten bekannt sind, sind im Krippenbereich nur sehr begrenzt möglich, denn Partizipationsangebote müssen immer dem Entwicklungsstand der Kinder entsprechen.
Dennoch lassen sich – vor allem mit älteren Krippenkindern – erste, behutsame Schritte in Richtung Gruppenentscheidungen wagen. Wichtig ist dabei, die Kinder nicht zu überfordern: Zwei bis drei konkrete Wahlmöglichkeiten sind in der Regel genug. Mehr Optionen können schnell zu Überforderung führen, statt echte Beteiligung zu ermöglichen.
Ein Beispiel: Im Gesprächskreis dürfen die Kinder abstimmen, welches Lied gesungen wird. Oder sie suchen sich abwechselnd eine Aktivität oder ein Lied aus. Ein einfaches Format, das ihnen zeigt: Meine Stimme zählt, ich gestalte unseren gemeinsamen Alltag mit.

Damit formale Beteiligungsformate wie Abstimmungen tatsächlich partizipativ sind, sollten einige Grundsätze beachtet werden:
- Verständnis sicherstellen: Kinder können nur dann wirklich wählen, wenn sie verstehen, worum es geht. Sie müssen die Situation verstehen und mit den Auswahlmöglichkeiten vertraut sein.
- Mit anschaulichen Materialien arbeiten: Konkrete, verständliche Materialien wie Bildkarten, eindeutige Symbole und Objekte machen Wahlmöglichkeiten und Entscheidungen für alle zugänglich.
- Alle im Blick behalten: In einer Gruppe geht es schnell: Lautere oder ältere Kinder setzen sich durch, ruhigere gehen unter. Fachkräfte achten bewusst darauf, dass alle Kinder gehört, gesehen und beachtet werden – und schaffen Raum auch für die leisen Stimmen.
- Entwicklungsstand beachten: Was für ein 30 Monate altes Kind funktioniert, kann für ein 18 Monate altes Kind noch zu früh sein. Formale Beteiligungsformate sind kein Muss – sie sind ein Angebot, das behutsam und situationsangemessen eingesetzt wird.
Reflexion als Schlüssel: Wer entscheidet eigentlich was?
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Partizipation ist die kritische Reflexion des pädagogischen Alltags. Folgende Fragen können dabei helfen:
- Welche Entscheidungen werden täglich oder wiederkehrend in unserer Krippe getroffen?
- Von wem werden diese Entscheidungen üblicherweise getroffen?
- Warum werden Entscheidungen so getroffen, wie sie getroffen werden?
Nicht alle Routinen im Kita-Alltag werden umgesetzt, weil sie pädagogisch am sinnvollsten sind, sondern weil sie schon immer so waren. Reflexion ist ein Grundpfeiler professionellen Handelns und sollte fester Bestandteil der Qualitätsentwicklung sein. Immer wieder gemeinsam zu hinterfragen, warum etwas so ist, wie es ist und dies mit dem aktuellen Fachwissen abzugleichen ist auch für die Gestaltung einer partizipativen Umgebung in der Krippe ein zentraler Schritt.
Verweise
Hildebrandt, F. & Pergande, B. (2021). Das Kinderrecht auf Beteiligung im Krippenalltag umsetzen. Theoretische Überlegungen und Qualitätskriterien. In: Thomas, S., Rothmaler, J., Hildebrandt, F., Budde, R., Pigorsch, S. (Hrsg.): Partizipation in der Bildungsforschung. 2. Aufl. Beltz Juventa. S. 178-196.
Prengel, A. (2016): Bildungsteilhabe und Partizipation in Kindertageseinrichtungen. Eine Expertise der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF). Deutsches Jugendinstitut e.V.: https://www.weiterbildungsinitiative.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/old_uploads/media/WiFF_Exp_47_Prengel_web.pdf
Rehmann, Y. (2016): Partizipation in der Krippe. In: R. Knauer & B. Sturzenhecker (Hrsg.): Demokratische Partizipation von Kindern. Beltz Juventa. S. 132-156.
Zum Weiterlesen und Weiterdenken
Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, findet hier weitere Anregungen:
- Kita-Fachtext „Partizipation in der Krippe – Grundlagen und Anregungen für die Praxis“ von Yvonne Rehmann (2018)
- Videos zu Partizipation von der Universität Graz: Partizipation – edu-sharing
- Fröbel-Podcast für Fachkräfte „Auf die ersten Jahre kommt es an“: Kinderperspektiven berücksichtigen und wirklich ernst nehmen und Wir müssen mittags nicht mehr schlafen – schlafen, ruhen und entspannen in der Kita
