Armut und Bildungsteilhabe
Interview mit Prof. Dr. Tanja Salem von der Fachhochschule Potsdam
In Deutschland ist fast jedes vierte Kind unter 18 Jahren von Armut bedroht oder betroffen (Deutscher Bundestag, 2025). Das hat Folgen für die Bildungsteilhabe dieser Kinder und Jugendlichen. Im Gespräch mit Prof. Dr. Tanja Salem haben wir über eine inklusive, partizipative und armutsbewusste Organisationsgestaltung von Kindertageseinrichtungen gesprochen und sie gefragt, wie die Praxis mit Armut bei Kindern umgehen kann und wie Hürden bei der Bildungsteilhabe abgebaut werden.
Dieses Interview erscheint ergänzend zum Kita-Fachtext „Armut und Bildungsteilhabe“ von Tanja Salem, der diesen Monat erschienen und hier abrufbar ist.
Liebe Frau Salem, zu Beginn möchte ich kurz auf die Begrifflichkeiten eingehen: was ist Armut bei Kindern? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang Bildungsteilhabe?
Das ist vielschichtig, Armut kann unterschiedlich definiert werden. Wenn man davon ausgeht, dass Armut eine finanzielle Mangellage bedeutet, ist gesichert, dass es in unserer Gesellschaft einen Anteil von Menschen gibt, der deshalb nicht vollumfänglich am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Und auch wenn man es sich in einem reichen Land wie Deutschland kaum vorstellen kann, gibt es auch hier Kinder und Familien, die beispielsweise nicht hinlänglich gesundheitlich versorgt sind oder nicht genug Geld haben, um sich ausreichend und gut zu ernähren.
Die Forschung zu Kindern, die in Armut aufwachsen, zeigt, dass es vielfältige Nachteile gibt, was ihre Entwicklung und ihre soziale Einbindung anbelangt. Auch gesundheitliche Risiken sind mit einem Leben in Armut verbunden. Zudem wirkt sich Armut negativ auf die Entwicklung schulischer Kompetenzen aus, also auf einen Aspekt von Bildungsteilhabe. Hinsichtlich der Bildungsteilhabe geht es aber auch um Zugänge zu Bildungsangeboten, und das schon von Geburt an. Wenn Bildungsangebote Geld kosten, werden sie von armutserfahrenen Familien seltener in Anspruch genommen. So sind zum Beispiel Baby-Kurse, kulturelle Angebote und andere Bildungsangebote außerhalb von Bildungsinstitutionen für Familien mit sicheren Einkommensverhältnissen ganz selbstverständlich, für armutserfahrene nicht. Zudem ist für Kinder, die in Armut aufwachsen, der Zugang zu qualitativ hochwertigen Bildungs- und Betreuungsangeboten häufig erschwert und sie haben geringere Chancen auf einen Kita-Platz. So sind die Platzvergabekriterien nicht überall transparent und soziale Ungleichheiten werden nicht immer berücksichtigt. Aber auch innerhalb von Institutionen der frühkindlichen Bildung gibt es Hürden: Ausflüge, Mahlzeiten oder besondere Materialien sind oft mit zusätzlichen Kosten verbunden. Man kann also sagen, dass es Vorteile gibt für Kinder, die nicht in armen Familien aufwachsen, weil es für sie geringere Hürden bei der Teilhabe an Bildungsangeboten gibt.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang vielleicht noch, dass unterschiedliche Begrifflichkeiten genutzt werden, wenn über arme Kinder und ihre Familien gesprochen wird. Häufig hört man den Begriff „Armutsbetroffenheit“. Dieser Begriff weist auf die Lebenslage Armut hin, aber weniger auf das, was damit verbunden ist. Der Begriff „Armutserfahrung“ rückt in die Aufmerksamkeit, wie Kinder und ihre Familien mit der Lebenslage Armut aktiv umgehen und dass mit Armut konkrete (Lebens-)Erfahrungen und alltagspraktisches Wissen verbunden sind, die häufig wenig Berücksichtigung finden und worüber zum Beispiel aus Scham eher nicht gesprochen wird. Das ist aber wichtig in der frühkindlichen Bildung. Daher nutze ich den Begriff „armutserfahren“.
Zu welchen konkreten Schritten raten Sie Teams, um eine „armutsbewusste Haltung“ systematisch aufzubauen und im Alltag zu verankern?
Ausgangspunkt ist die Selbstreflexion, also erstmal bei sich anzufangen und sich mit Fragen auseinanderzusetzen wie:
- Was ist mein Bild von einer „guten Kindheit“?
- Was macht gute Elternschaft aus?
- Wie stehen diese Bilder im Verhältnis zu meiner Vorstellung von Kindern, die in Armut aufwachsen?
- Welche gesellschaftlichen Diskurse über Armut wirken in mir (z. B. die Bürgergeld-Debatte) und wie beeinflussen sie mein pädagogisches Denken und Handeln?
Der Austausch im Team über diese Fragen kann zu einem gemeinsamen Verständnis beitragen. Auf dieser Grundlage sollten die Themen Armutserfahrungen und Bildungsteilhabe in Teamrunden und Dienstberatungen regelmäßig in den Blick genommen werden. Dabei sind theoretisches Wissen über Ursachen und Folgen von Armut als gesellschaftliches Problem und mögliche Umgangsweisen damit wichtig. Gleichzeitig ist es wichtig, die individuelle Situation jeder Familie und jedes Kindes anzuschauen.
Eine der größten Herausforderungen ist, im Kita-Alltag mehrdeutige Signale angemessen einzuordnen und pauschale Zuschreibungen zu vermeiden: mangelnde Körperhygiene, Kleidung, die nicht zur Jahreszeit passt oder fehlendes Frühstück können zum Beispiel Hinweise auf Armut sein, sind aber keine Belege. Der individuelle Blick ist wichtig und ein Austausch, in dem Kinder und Familien als mündige, kompetente Gegenüber wahrgenommen werden, mit denen gemeinsam Hintergründe beleuchtet und Lösungen gestaltet werden.
Handeln im Sinne einer armutsbewussten Haltung heißt daher, aufmerksam zu beobachten, sich mit Kolleginnen und Kollegen dazu auszutauschen, konkrete Wahrnehmungen wertfrei anzusprechen und gemeinsam mit der Familie Hintergründe zu klären. Viele Fachkräfte sind bei diesem Thema bereits hochprofessionell – oft unter anspruchsvollen Bedingungen. Bei all diesen Schritten auf dem Weg zu einer armutsbewussten Haltung kann im besten Fall die Kita-Sozialarbeit oder die Fachberatung eine gute Unterstützung für das Team sein.
Was bedeutet das konkret im pädagogischen Alltag: Vom Frühstück bis zum Abholen, von Festen über Ausflüge bis hin zu Elternabenden? Woran lässt sich eine armutsbewusste Haltung erkennen?
Unser Denken und Sprechen beeinflussen unser Handeln. Wenn ein Team daran gearbeitet, sich mit eigenen Vorstellungen und eigenen Stereotypen auseinandergesetzt hat, wird sich das in allen Interaktionen zeigen.
Neben der Haltung ist es wichtig, dass die Organisationsgestaltung der Kita armutsbewusst und der pädagogische Alltag möglichst barrierefrei gestaltet ist. Das bedeutet zum Beispiel, dass Extra-Kosten geringgehalten und dass Beteiligungsformate inklusiv gestaltet werden.
In Bezug auf Extra-Kosten, also zum Beispiel für besondere Materialien, Ausflüge, Geburtstage, ist es sinnvoll, im Team einmal systematisch das Kita-Jahr durchzugehen und auf „versteckte Kosten“ zu überprüfen. Manchmal hilft es schon, diese Kosten frühzeitig und verbindlich an die Familien zu kommunizieren, damit sie sie mit genügend Vorlauf einplanen können. Feste in der Kita, Familiennachmittage und ähnliches sind im besten Fall so gestaltet, dass kein Mitbring- oder Beitragsdruck entsteht, das sollte immer freiwillig sein und nicht selbstverständlich für alle gelten. Auch die Gestaltung der Kindergeburtstage in der Kita sollte mit Familien und Kindern besprochen werden und dann in den Händen der Einrichtungen liegen, so dass sie für die Familien keine weiteren finanziellen oder zeitlichen Belastungen bedeuten. Solidarische Lösungen wie eine Spendenbox für Extra-Materialien („Wer kann, gibt“) und Leihpools, zum Beispiel für Kleidung oder Kostüme zum Fasching, entlasten, ohne Familien bloßzustellen.

Beteiligungsformate wie etwa Elterninformationsveranstaltungen können inklusiv gestaltet werden, wenn sie sich nach den Ressourcen der Familien richten. Eltern, die in Schichten arbeiten oder alleinerziehend sind, brauchen wahrscheinlich andere Zeiten und Formate. Auch hier sind der Austausch und niedrigschwellige Kontakte mit den Familien wichtig, um die Bedarfe der Familien zu ermitteln.
Wichtig ist hier noch einmal zu sagen, dass Kitas Bildungseinrichtungen sind. Teilhabebarrieren wie Extra-Kosten sollten im Blick gehalten und Familien unterstützt werden. Ziel sollte aber nicht sein, Bildungs- und Kulturangebote aus Kostengründen zu reduzieren, sondern sie für alle zugänglich zu machen. Gerade die Kita eröffnet vielen Kindern diese Erfahrungen erst. Deshalb sollten Kitas Mangellagen immer thematisieren und im Sozialraum darauf aufmerksam machen. In diesem Zusammenhang sollte man sich vor Augen führen, dass soziale Ungleichheit eine gesamtgesellschaftliche Problematik ist, die in Kindertageseinrichtungen im Blick sein sollte, aber nicht von ihnen allein gelöst werden kann. Kurz: Pädagogische Qualität sichern und Teilhabe ermöglichen. Nicht am Bildungsangebot sparen, sondern Barrieren abbauen und Ressourcen mobilisieren.
Mal angenommen, ich habe als Leitung oder Fachkraft den Verdacht, dass eine Familie armutserfahren ist. Was sind Faktoren, an denen ich erkennen kann, dass ein Kind in Armut aufwächst?
Das ist nicht leicht zu beantworten. Zunächst gibt es unterschiedliche Dimensionen von Armut. Ein Aspekt ist das Thema Geld. Wie beschrieben, hängen Bildungsteilhabe und finanzielle Möglichkeiten zusammen. Dann ist da noch die Frage nach dem subjektiven Empfinden von Kindern. Da weist die Forschung darauf hin, dass Kinder Armut oft nicht wie ihre Eltern erleben, weil Eltern alles dafür tun, dass die Kinder finanzielle Notlagen nicht mitbekommen und zum Beispiel bei sich selbst sparen, um Kindern Dinge zu kaufen oder in deren Bildung zu investieren. Auf der anderen Seite gibt es auch die Erfahrung von Ausgrenzung, die Kinder machen und die sich auf das Wohlbefinden auswirken. Armut ist oft schambehaftet, so ist es nichts Ungewöhnliches, dass es Familien gibt, die sich zurückziehen, die Lebenssituation möglichst nicht thematisieren und den Unterstützungsbedarf, den sie eventuell haben, nicht zeigen. Ob und woran ich eine Armutslage erkenne, ist also sehr individuell.
Beispiele, die in der Forschung und von Fachkräften häufig benannt werden, sind Körperhygiene oder Kleidung, also etwa die fehlende Matschhose oder die zu kalte Jacke im Winter. Interessanterweise wird das oft eher auf ein Versagen der Eltern zurückgeführt. Manchmal kommt es nicht in den Sinn, dass vielleicht das Geld dafür im Moment nicht da ist. Zurückhaltung bei kostenpflichtigen Aktionen kann ebenfalls ein Hinweis sein, ist aber noch kein Beleg. Armut zeigt sich sehr unterschiedlich und individuell, daher ist es wichtig, im Team die Beobachtungen zu teilen und zu reflektieren. Im Gespräch mit der Familie können dann durch genaues Zuhören, Nachfragen und ein wertschätzendes Interesse an der aktuellen Lebenssituation die Hintergründe geklärt werden.
Wie kann ich mit Familien über Armut ins Gespräch kommen?
Bereits beim Eintritt in die Kita, im Aufnahmegespräch, kann dafür gesorgt werden, dass Armut weniger mit Scham belegt ist oder tabuisiert wird. Indem die Lebenssituation der Familie standardmäßig thematisiert wird, entsteht schon zu Beginn ein Anlass, mit den Familien darüber zu sprechen. Die Frage „Beschreiben sie doch mal, wie Sie leben“ kann ein Einstieg sein und zunächst eine niedrigschwellige Möglichkeit bieten, in den vertrauensvollen Austausch zu kommen. Im Aufnahmegespräch sollte aber auch konkret gefragt werden, ob Transferleistungen bezogen werden. So können Familien rechtzeitig beispielsweise über Unterstützungsmöglichkeiten bei der Verpflegung, über das Bildungs- und Teilhabepaket und gegebenenfalls weitere Hilfen von regionalen Stiftungen und Vereinen informiert werden. Eine Frage wie „Manchmal machen wir Ausflüge, für die extra Kosten entstehen, können Sie sich daran beteiligen“? kann zu Beginn helfen, die aktuelle Lebenssituation zu verstehen und gegebenenfalls Hilfsangebote zu besprechen. Armutserfahrene Familien können nicht automatisch alle Unterstützungsmöglichkeiten kennen, die ihnen zur Verfügung stehen. Informationen über solche Angebote im Sozialraum der Kita oder auch staatliche Unterstützungsleistungen sind armutserfahrenen Familien im Gegenteil häufig nicht ohne Weiteres zugänglich. Daher sollten Fachkräfte ein umfangreiches Wissen über solche Angebote und Leistungen haben, um Familien unterstützen zu können.

Ab Beginn der Eingewöhnung sind aus meiner Sicht die Tür- und Angelgespräche sehr wertvoll, als täglicher Kontaktmoment, um vertrauensvolle Beziehungen zu den Familien aufzubauen und zu pflegen. Ist es etabliert, dass die pädagogischen Fachkräfte in Bring- und Abholsituationen kurz mit den Familien sprechen und dabei Interesse und Offenheit zeigen, können auch mal Fragen nach dem Wohlbefinden und Möglichkeiten der Entlastung leichter und ohne Scham gestellt werden. Für den Austausch hilft es, Beobachtungen möglichst wertfrei anzusprechen, also Formulierungen wie „Uns ist aufgefallen, dass …“ zu verwenden. Vielleicht können auch dann schon konkrete Angebote gemacht oder Informationen für weitere Unterstützungsmöglichkeiten gegeben werden.
Nicht zuletzt können anonyme Kommunikationswege hilfreich sein. Wenn es in der Kita einen Kummerkasten oder etwas ähnliches gibt, wo Familien anonym mitteilen können, wenn ihnen eine Aktivität oder für die Kita benötigtes Material zu teuer ist, ist das eine weitere Möglichkeit, Teilhabebarrieren abzubauen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Als Fachkraft beobachte ich, dass in den Gesprächskreisen einige Kinder von tollen Urlauben in den Ferien und Aktivitäten am Wochenende erzählen – und andere Kinder bei diesen Themen eher ruhig bleiben. Wie gehe ich damit um?
Kita ist ein Lebensort, an dem alle Erfahrungen Platz haben, auch sehr unterschiedliche. Armutserfahrungen gehören zur Lebensrealität von Kindern. Statt solche Themen zu meiden, können Fachkräfte Gespräche mit der Kindergruppe so moderieren, dass Vielfalt sichtbar wird, ohne zu bewerten.
Armutserfahrungen können Gesprächsanlässe bieten:
- Was ist Geld eigentlich?
- Was kann man damit machen?
- Haben alle gleich viel?
- Welche Gefühle löst es aus, darüber zu sprechen?
Natürlich ist es dabei wichtig, gegebenenfalls abwertende Kommentare nicht stehen zu lassen, sondern aufzugreifen und einen empathischen, respektvollen und fairen Umgang in der Gruppe zu fördern. Unterschiede wahrzunehmen, ohne Kinder darauf festzulegen, ist wertvoll: Ein stilles Kind ist nicht „das ohne Urlaub“, sondern bringt andere Erfahrungen ein. Als Fachkraft kann ich zum Beispiel nach dem Wochenende oder den Ferien den Fokus auf die schönsten Erlebnisse legen und nicht auf Urlaub oder bestimmte Aktivitäten. Ein Nachmittag mit Kindern aus der Nachbarschaft, Spielen auf einer Konsole oder Fernsehen können für Kinder tolle Erlebnisse sein, von denen sie erzählen und die gleichwertig neben anderen Aktivitäten stehen sollten. Im besten Fall bieten Gesprächskreise in der Kita einen Resonanzraum für alle Lebenslagen und -erfahrungen.
Anzuerkennen, dass Armut ein soziales Phänomen ist und zur Lebensrealität von Familien gehören kann, Bildungsteilhabe zu ermöglichen und Kindern und Familien Unterstützung anzubieten, ist notwendig. Dennoch sollte diese Dimension nicht im Vordergrund stehen und den Blick auf ein Kind und dessen Familie dominieren, sondern es sollte darum gehen, die vielschichtigen Persönlichkeiten, Stärken, Interessen und Besonderheiten von Kindern wahrzunehmen und zu fördern.
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Armut betrifft viele Kinder – und prägt ihre Chancen auf Bildungsteilhabe. Im neuen Kita-Fachtext „Armut und Bildungsteilhabe“ zeigt Prof. Dr. Tanja Salem praxisnah, wie pädagogische Fachkräfte Teilhabebarrieren erkennen, eine armutsbewusste Haltung entwickeln und Kinder wirksam stärken können. Ein kompakter Impuls für mehr Chancengerechtigkeit im Kita-Alltag.
Deutscher Bundestag (29.01.2025): Deutscher Bundestag Drucksache 20/14800 —- Erster Fortschrittsbericht zur Umsetzung des Nationalen Aktionsplans „Neue Chancen für Kinder in Deutschland“.
Deutsches Jungendinstitut (05.02.2025): DJI – Fast jedes vierte Kind ist von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.
Gastautorin

Prof. Dr. Tanja Salem lehrt seit 2022 an der Fachhochschule Potsdam Theorie und Praxis der Kindheitspädagogik. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der (frühen) Kindheit sowie der Professionalisierung in der Migrationsgesellschaft.
Foto: © Andrea Hansen
