Mehr als Vorschule
Was macht eigentlich eine gute Vorschule aus? Fröbel hat dazu eine klare Haltung. Und ein Konzept.
Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 1-2025 des KINDgerecht-Magazins für frühkindliche Bildung erschienen.
Bildung ist Selbstbildung, die keiner für einen anderen erbringen kann“, formulierte Wilhelm von Humboldt. Und Gerd E. Schäfer ergänzte: „Bildung beginnt mit der Geburt.“ Diese Leitsätze prägen bis heute das pädagogische Selbstverständnis vieler Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Gleichzeitig
zeigen aktuelle Studien wie PISA (2023), dass ein wachsender Handlungsdruck besteht: Das Bildungssystem steht vor Herausforderungen – und mit ihm die Frage, wie frühe Bildungsprozesse gestaltet und gesichert werden können.

Dabei rückt die Rolle der Kindertageseinrichtungen zunehmend in den Mittelpunkt. Als erste Bildungsinstitutionen kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu: Hier werden Grundlagen für Teilhabe, Chancen- und Bildungsgerechtigkeit gelegt. Doch im föderalen Bildungssystem entstehen regional
sehr unterschiedliche Wege und Ansätze, wie frühe Bildung organisiert wird. Ein Beispiel ist Hamburg, wo Kinder mit Förderbedarfen durch das verpflichtende Vorschuljahr frühzeitig aus dem Kita-System herausgelöst und stärker an schulische Strukturen gebunden werden.
Fröbels Perspektive – Bildung als individueller Weg
Wir bei Fröbel begegnen diesen Entwicklungen mit einer klaren bildungstheoretischen Haltung: Frühkindliche Bildung ist mehr als Vorschule. Sie ist keine Vorbereitung auf das „eigentliche Lernen“, sondern eine eigenständige, wertvolle Phase im lebenslangen Bildungsprozess und der Bildungskette.
Unsere pädagogische Arbeit orientiert sich an einem offenen, inklusiven und kindzentrierten Bildungsbegriff. Wir gestalten Räume, in denen Kinder sich als aktive, kompetente Persönlichkeiten erleben können. Bildung wird dort möglich, wo Kinder selbstbestimmt lernen dürfen – in Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt, ihren Fragen und ihrem Alltag. Dabei verstehen wir Übergänge – ob von der Eingewöhnung in die Kita, vom Spiel zum Essen oder vom Kita-Alltag in die Schule – als kontinuierliche Bildungsprozesse.
Das Fröbel-Lab – Impulsgeber für neue Wege
Um neue Ideen und Ansätze zu entwickeln, haben wir uns im Rahmen eines Fröbel-Labs mit verschiedenen pädagogischen Fachkräften aus Kitas und Horten die folgenden Fragen gestellt: Wie kann frühe Bildung sichtbar gemacht werden? Wie lassen sich Übergänge individueller und kindgerechter gestalten? Im Lab wurden verschiedene Impulse, Konzepte und Formate erarbeitet – immer mit Blick auf die Alltagspraxis, die Bedürfnisse von Kindern und Familien sowie die Anforderungen an pädagogische Fachkräfte, Gesellschaft und Schule. Ziel war es, neue Wege auszuprobieren, bestehende Erfahrungen
zu bündeln und alltagstaugliche Ansätze zu entwickeln. Die Ergebnisse aus dem Lab sind vielversprechend und werden nun in einer breiten Praxisphase erprobt.

Orientierung durch Übergangsbeauftragte, Wegweiser und Übergangskalender
Ein konkretes Ergebnis des Labs ist die Entwicklung eines Übergangskalenders, der durch einen Wegweiser für Übergänge ergänzt wird und Familien als Orientierung dient. In jeder Fröbel-Einrichtung wird eine Person als Übergangsbeauftragte benannt, die die damit im Zusammenhang stehenden Prozesse im Blick hat. Neben der Leitung ist sie Ansprechperson für den Übergang in die Grundschule für alle Beteiligte.
Diese Instrumente schaffen Orientierung und Transparenz und geben sowohl den Kindern als auch den Familien einen klaren Überblick darüber, was konkret geplant, begleitet und reflektiert wird. Es geht also um weit mehr als „Vorschule“: Es geht um Bildung als lebenslangen Prozess, in dem jedes Kind seinen
eigenen Weg gehen darf und soll.
Bildung sichtbar(er) machen – ein gemeinsamer Auftrag
Wir verstehen die gesamte Kindergartenzeit als Bildungszeit. Daraus ergibt sich ein klarer Auftrag: Bildungsprozesse müssen nachvollziehbar, sichtbar und anschlussfähig gestaltet werden. Nur so kann der Übergang in die nächste Bildungsinstitution im Sinne der Kinder gelingen.
Und wie sieht das konkret aus? Einblicke in den Kita-Alltag aus Fröbel-Einrichtungen.
Abschied und Übergang bewusst gestalten: Vom Schatzsucher zum Schulkind Im Fröbel-Kindergarten Spürnasen wurde der Abschied von der Kita gemeinsam mit den Familien gefeiert – ein besonderer Moment für die Kinder, der mit Spannung, Freude und auch etwas Wehmut verbunden war. Ein Höhepunkt war die Schatzsuche, die weit mehr als ein Spiel darstellte: Sie erinnerte die Kinder daran, welche „Schätze“ sie in den letzten Jahren gesammelt hatten – Freundschaften, Mut, Wissen und viele Erfahrungen. Gleichzeitig stand sie symbolisch für all das Neue, das in der Schule auf sie wartet. Besonders berührend war das Vorlesen des Abschiedsbriefes „Vom Schatzsucher zum Schulkind“. Er machte deutlich: Alles, was die Kinder im Kindergarten erlebt und gelernt haben, tragen sie wie einen wertvollen Rucksack mit auf ihrem weiteren Weg.

Auf Augenhöhe: Lehrkräfte besuchen die Kita. Ohne Austausch kommen wir nicht voran“, sagt Claudia Piseddu, Kinderpflegerin aus dem Fröbel-Kindergarten und Familienzentrum Finkenberg. Sie knüpfte Kontakte zu Grundschulen, von einer Schule meldete sich eine Lehrkraft direkt für eine Hospitation in der Kita an. Das war für alle Beteiligten ein Gewinn: Die Lehrkraft erlebte die Kinder in der Interaktion und sah, welche Lernmöglichkeiten die Kinder haben. Vor allem aber konnten die Kinder die Lehrkraft kennenlernen und sie im Morgenkreis mit ihren Fragen löchern. Die Lehrkraft aus der Schulanfangsphase soll nun mindestens zweimal im Kitajahr in die Kita kommen.
Über Schule sprechen: Mit Krippenkindern auf dem Schulhof unterwegs. Warum denn eigentlich erst im letzten oder vorletzten Jahr beginnen? Diese Frage stellte sich Mandy Zacharias, pädagogische Fachkraft im Krippenbereich des Leipziger Fröbel-Kinderhauses Groß und Klein. Ein Gedanke, der sich mittlerweile mehr als lohnend erwies. Bei ihren Spaziergängen kommen die Krippenkinder immer an einer Schule vorbei, die sie nun auch bereits besuchen. Das geht nicht? Natürlich geht das – ob vom Zaun aus oder während der Ferien auf dem Schulhof – auch mit Kindern jüngeren Alters kann man über das Thema sprechen. „Vor allem die Kinder mit älteren Geschwistern bringen häufig das Thema mit, weshalb wir es bereits sehr früh thematisieren.“

Erfahrungen als Schatz: Das Familiencafé für den Austausch nutzen. „Mir ist es wichtig, dass die Familien auch weiterhin mit uns im Kontakt stehen, damit sich Familien austauschen und voneinander lernen können. Wer, wenn nicht die Familien selbst, die den Übergang gerade erlebt haben, können davon besser berichten. Vor allem die Kinder können von ihrer Einschulung und den ersten Schultagen berichten und die Fragen der Kitakinder beantworten“, sagt Franziska Sommer, Leiterin des Fröbel Kindergartens Wasserstadt. So wurden alle ehemaligen Familien zum ersten Elterncafé des neuen Kitajahres eingeladen, um mit den Kindern und Familien in den Austausch zu gehen und Fragen zu beantworten. Keine Geschichte ist gleich, aber dennoch können auf diese Weise Ängste und Unsicherheiten genommen werden.
10 Fröbel-Versprechen für den Übergang in die Grundschule
- Schulvorbereitung beginnt mit dem Eintritt in die Kita.
- Familien werden von Anfang an aktiv einbezogen.
- Kooperationen und Aktivitäten mit Grundschulen und Horten sind verbindlich.
- Übergänge werden professionell geplant, reflektiert und sind im Konzept verankert.
- Die Angebote sind kindorientiert und transparent.
- Die Kinder gestalten den Übergang aktiv mit.
- Eine Person in der Kita hat die Prozesse zum Übergang im Blick.
- Elternabende werden zusätzlich mit externen Institutionen gestaltet.
- Strukturierte Gespräche und verschiedene Austauschmomente begleiten den Übergang.
- Der Übergang wird feierlich und partizipativ abgeschlossen.

Mehr als Vorschule – Bausteine des Konzepts
Für Kinder
- Themen, Wünsche und Bedürfnisse der Kinder werden aufgegriffen
- Briefe zu Beginn des Übergangsjahres in leichter Sprache, mit wenig Text und mit Symbolen
- Kinder nehmen an Entwicklungsgesprächen teil
Für Familien
- Familiencafés für den Erfahrungsaustausch
- Familienbriefe zu Beginn und zum Abschluss des Übergangsjahres
- Elternabende informieren über alle wichtigen Schritte und Bildungsthemen im Übergangsjahr
Für Fachkräfte
- Fröbel-Standard „Übergänge“ sichert die Qualität
- Materialien zur Beobachtung und Dokumentation, um Kinder in ihren Entwicklungsprozessen zu unterstützen
- Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote zur Stärkung des professionellen Handelns
Zum Weiterlesen: Handlungsimpulse aus drei Bundesländern
„Übergangskompass“
Der Übergangskompass ist eine Sammlung von Instrumenten und Materialien für pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte, Familien und Kinder.
Fokus: Beobachtungsprozess und dialogorientierte Elemente, um alle Akteure einzubinden
Einsatz in: Rheinland-Pfalz, in Erprobungsphase mit ca. 100 Kindertageseinrichtungen und Grundschulen
Instrumente für pädagogische Fachkräfte:
- Beobachtung und Dokumentation mit den in der jeweiligen Kita genutzten Instrumenten; Besonderheit: Erfassung der benötigten Kompetenzen des Kindes bei der Einschulung aus Sicht des Kindes, der Kita, Grundschule und der Familien,
- Netzwerkanalyse zur Analyse des Ist-Standes und zum Ausbau, regionale Übergangswerkstätten als Austauschformat aller Beteiligten mit Fokus auf der Entwicklung von Lösungsansätzen und Zielen,
- Qualitätsentwicklung im Diskurs, um den Prozess der Übergangsgestaltung gemeinsam weiterzuentwickeln,
- Übergangskalender als transparentes Reflexionsinstrument
Format: Handreichungen
Familienperspektive: Übergangskalender wird genutzt, um mit Familien und Kindern in den Austausch zu gehen
Kinderperspektive: Kinder reflektieren ihre individuellen Perspektiven auf den Übergangsprozess, ggf. Erstellung eines Bilderbuches von Kindern für Kinder
Zeitraum: von 1,5 bis 0,5 Jahren vor der Einschulung
„Mika“
„Beokiz“
Kompetenzen zum Übergang in die Grundschule (kurz: KÜGs)
Fokus: Kompetenzen im Übergang
Einsatz in: Berlin, verpflichtend für alle Kitas und die Kindertagespflege (Implementierungsphase bis Juli 2027); unter Einwilligung der Familien Weitergabe der Lerndokumentation KÜGs an Grundschulen
Instrumente für Fachkräfte: Drei-Schritt-Verfahren: Beobachtung, Auswertung und Ableitung Beobachtung, Dokumentation und Einschätzung im Kita-Alltag: kindzentriert und ganzheitlich mit BeoKiz‐Beobachtungsbogen (Notizformat mit Leitfragen), KÜGs – Kompetenzen zum Übergang in die Grundschule (Fragebogen), Lerndokumentation für Lehrkräfte
Bereiche: Lebenspraktische- , Sprachliche-, Soziale-, Emotionale-, Mathematische- und Motorische Kompetenzen
Format: BeoTool (Handreichungen), Digitalisierung in Planung
Familienperspektive: Familien erhalten Einblick in den Lernentwicklungsstand des Kindes aus Sicht des Kindes und der pädagogischen Fachkraft (durch gesamtes BeoKiz-Verfahren)
Kinderperspektive: Austausch über die Beobachtungen mit Kindern über Beobachtung und gemeinsame Dokumentation im Portfolio sowie aktive Partizipation der Kinder an eigener Entwicklung (durch BeoKiz-Verfahren)
Zeitraum: zu Beginn und zum Ende des letzten Kitajahres
Gastautorin
Der Beitrag wurde zusammen mit Ulrike Rubruck, Fachberaterin bei der Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH, verfasst. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Begleitung von Familienzentren, der Familienbildung und in der Gestaltung und Begleitung von Übergängen.
