Müde? Wach? Ich spüre das! – Ruhezeiten in der Kita partizipativ gestalten
Ruhezeiten, Schlafen und Entspannen gehören – genauso wie Bauen, Singen oder das Spielen im Freien – zum Kita-Alltag und sind mal mehr und mal weniger ein fester Bestandteil in der Tagesstruktur. Doch wie können körperliche Bedürfnisse nach Entspannung und Ruhe so begleitet werden, dass die Kinder lernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen mit immer größer werdender Selbständigkeit nachgehen? Dieser Artikel gibt einen kurzen Einblick, wie sich das Ausruhen und Schlafen in der Kita partizipativ gestalten lässt.
Warum ist das wichtig?
Die UN-Kinderrechtskonvention hält fest: Kinder haben ein Recht auf Ruhe und Erholung (Art. 31) und außerdem darauf, ihre Meinung frei zu äußern und mit dieser angemessen berücksichtigt zu werden (Art. 12). Auch das Achte Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII) formuliert den Auftrag, junge Menschen in ihrer Entwicklung zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit zu unterstützen (§ 1), Beteiligung entsprechend des Entwicklungsstands zu ermöglichen (§ 8) und wachsende Fähigkeiten sowie Bedürfnisse zu selbständigem, verantwortungsbewusstem Handeln zu berücksichtigen (§ 9). Beteiligung soll dabei so gestaltet sein, dass Kinder sie verstehen, nachvollziehen und wahrnehmen können (§ 8 Abs. 4). (Mehr zu den Kinderrechten und Partizipation finden Sie in unserer Kategorie „Demokratiebildung„).

Kurz gesagt: Partizipation beim Ruhen und Schlafen ist kein „Extra“, sondern ein zentraler Baustein von pädagogischer Qualität und Kinderschutz. Es ist nicht nur wichtig, Kinder an der Gestaltung der Ausruh- und Schlafsituationen angemessen zu beteiligen. Genauso sollte im Blick behalten werden, dass sie im gesamten Tagesverlauf die Möglichkeit zu Pausen, Rückzug und Erholung haben.
Was können wir tun?
Pädagogisch geht es darum, dass Kinder lernen, ihren Körper wahrzunehmen und sich zunehmend selbst zu regulieren: Bin ich hungrig, durstig, müde, wach? Ist mir kalt oder warm? Den Körper kennenzulernen und Körpersignale einordnen zu können ist ein erster Baustein. Daraus abzuleiten, was ich brauche – etwas zu Essen, eine Pause oder eine Jacke? – ist ein großer Schritt zu Selbstbestimmung und Autonomie. In Bezug auf Ruhen und Schlafen bedeutet das: Ausruhen und Schlafen sollte nicht durch die Fachkräfte vorgegeben, sondern individuell im gesamten Tagesverlauf möglich sein. Es ist wichtig, dass pädagogische Fachkräfte die Kinder dabei begleiten, ihre eigenen Bedürfnisse kennenzulernen, und sie auch sprachlich in ihrer Wahrnehmung unterstützen. Wie merke ich, wenn ich müde bin? Brauche ich Nähe oder Abstand? Wie komme ich zur Ruhe, hilft mir Stille oder eine Hörgeschichte? Diese Kompetenz entwickeln Kinder nicht durch Anordnung, sondern durch Ausprobieren, wiederholte Erfahrung und gute Begleitung.
Kein Kind muss schlafen, andersherum sollte kein Kind einen gesamten Kita-Tag erleben ohne eine Pause oder einen Moment des Ausruhens. Um das zu ermöglichen, müssen passende Strukturen in der Kita vorhanden sein:
- Gibt es in jedem Raum gemütliche Ecken und Rückzugsmöglichkeiten wie Höhlen, Matratzen, abgetrennte Bereiche zum Ruhen, Lesen, allein sein?
- Gibt es auch im Außengelände Möglichkeiten für bequeme Pausen und ruhiges Spiel?
- Bieten wir als Team im gesamten Tagesverlauf Möglichkeiten zu Ruhe und Entspannung, zum Beispiel durch Vorleseangebote, Entspannungsübungen, Impulse für ruhiges Spiel?
- Begleiten wir die Kinder auch sprachlich darin, Ausruh- oder Schlafbedürfnisse zu erkennen, zum Beispiel durch Spiegelung unserer Beobachtungen, Gespräche darüber, wie sich Müdigkeit anfühlt oder über Körperwahrnehmungen?
- Gestalten wir angenehme Schlafsituationen: ruhige Räume, die abgedunkelt aber nicht komplett dunkel sind; gemütliche Schlafplätze mit persönlichen Gegenständen (z. B. Kuscheltieren) der Kinder; Betten und Räume, die die Kinder selbständig verlassen können?

„Ich finde nicht gut, dass man schlafen muss, obwohl man nicht müde ist. Wenn wir manchmal ein bisschen zu laut sind – denn kleine Kinder können noch nicht so gut flüstern – sagen sie: „Noch eine Chance“, sonst werden wir auseinandergelegt. Manchmal kann ich gar nicht schlafen, weil ich zu aufgeregt bin. Ich würde gut finden, dass die Kinder, wenn es wirklich nicht geht, sie dann leise zu den Erzieherinnen gehen und sagen können: Ich kann nicht einschlafen und dann rausgehen dürfen und ein Buch kriegen.“ (Blanca)
Die Perspektive der Kinder auf das Schlafen in der Kita (aus dem Bildungsplan Brandenburg, S. 78-79):
„Mittags soll man sich hinlegen, aber die Größeren müssen nicht. Ich will nicht im Bett liegen, sondern wie die Großen im Hof spielen. Gut finde ich, dass manchmal eine Geschichte vorgelesen wird oder ein Lied gesungen wird und dann die Decken wie so ein Wind von oben runterkommen. Aber das ist das einzige, was ich beim Schlafen mag. Ich wünsche mir, dass man, wenn man überhaupt nicht müde ist, auch auf den Hof kann, wie die anderen.“ (Felicitas)
„Ach ja, den Schlafraum mag ich gar nicht. Da sind so komische Betten. Der Raum ist immer abgeschlossen, da dürfen wir nicht rein, außer wenn Schlafenszeit ist, oder wenn Fasching ist, dann sind da Luftballons.“ (Benito)
Ein Blick in die Fröbel-Praxis: Veränderungen gestalten
Im Sommer 2024 ist in Brandenburg ein neuer Bildungsplan für Kitas, Tagespflege und Hort in Kraft getreten. Der Bildungsplan ordnet die Themen Ausruhen und Schlafen zusammen mit anderen pädagogischen Alltagssituationen wie Essen, Spielen Wickeln oder Toilettengang den zentralen Autonomiesituationen zu. Hier geht es um die ureigenste Angelegenheiten von Kindern, und damit unmittelbar um ihr Autonomiebedürfnis. Erfahrungen von Selbst- und Mitbestimmung sind daher besonders wichtig (MBJS, 2024).
Ein guter Anlass für das Team einer Brandenburger Fröbel-Einrichtung, sich intensiver mit der eigenen Praxis auseinanderzusetzen. Wie sind die gesetzlichen Grundlagen, was sagt der Bildungsplan und was setzen wir im Moment in unserer Kita um? Das Team hat sich auf den Weg gemacht, das Ausruhen und Schlafen in der Kita partizipativer und kindorientierter zu gestalten.
Es kann herausfordernd sein, lang bestehende und fest etablierte Tagesstrukturen im Sinne der beschriebenen Vorgaben zu verändern. Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Fröbel-Teams war, dass solche grundlegenden Umgestaltungen viel Zeit und kleine Schritte erfordern. Besonders wichtig ist dabei die Haltung der Fachkräfte und die wachsende Überzeugung: die Kinder können das. Sie wissen, ob sie müde sind oder nicht und sind in der Lage, dem jeweiligen Bedürfnis angemessen nachzugehen.
Bei der Planung, die Mittagszeit kindorientierter zu gestalten und den Kindern Alternativen zur festgelegten Mittagsruhe zu geben, gab es im Team unter anderem die Bedenken, dass Kinder über ihr Schlafbedürfnis hinweggehen und ihnen so eine nötige Entspannungsphase genommen werden könnte. Zudem führt eine fest eingeplante Mittagspause für alle dazu, dass die Fachkräfte Zeit haben, Dokumentation zu erledigen, Elterngespräche vorzubereiten oder auch einfach mal gemeinsam Pause zu machen, um sich auszutauschen.

Als Einstieg in den Veränderungsprozess und um den Blick auf das Thema Ausruhen und Schlafen zu öffnen, sind die Fachkräfte mit den Kindern ins Gespräch gegangen. In Kinderkreisen wurden die Themen Ruhen und Schlafen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, mit Fragen aus dem Bildkartenset „Essen und Schlafen – Mit Kindern über Alltagssituationen sprechen“ (wamiki, 2026) wie zum Beispiel:
- Was brauchst du unbedingt zum Einschlafen?
- Wie schlafen Tiere?
- Wenn du zaubern könntest, was würdest du am Schlafen verändern?
- Wie schlafen Menschen eigentlich, hier und anderswo?
- Schlafen Pflanzen, Steine und Kuscheltiere auch?
So wurden die Gedanken der Kinder zum Thema deutlich und Kinder und Fachkräfte kamen ins Gespräch über mögliche Veränderungsideen.
In anschließenden Teamsitzungen und einer Teamfortbildung konnten erste Schritte geplant werden. Wichtig für Fachberatung und Leitung war dabei, zunächst kleine Veränderungen anzustoßen und ein Ausprobieren zuzulassen. Auch Rückschritte und neue Verabredungen waren erlaubt.
Sehr geholfen haben vor allem Hospitationen in anderen Kitas, in denen individuelle Pausen- und Schlafzeiten bereits umgesetzt werden. In der Praxis mitzuerleben, dass das funktioniert, vor Ort Fragen zu besprechen und von Kolleginnen und Kollegen und Kindern Erfahrungen und Tipps zu hören. Im Team gab es Fachkräfte, die sich nicht vorstellen konnten, dass Kinder freiwillig in den Schlafraum gehen und Mittagsschlaf machen, das zu beobachten hat viele Widerstände und Bedenken abgebaut.
Die Leitung hat mit klaren Regelungen zu neuen Pausen- und Vorbereitungszeiten die Dienstplanung so verändert, dass für beides Zeit ist, auch wenn es keine feste Mittagsruhe mehr gibt. Außerdem unterstützt sie das Team durch regelmäßige Hospitationen in den einzelnen Gruppen bei der Umsetzung und Weiterentwicklung.
Im Moment arbeitet das Team daran, die Mittagszeit so zu gestalten, dass die wachen Kinder auch in dieser Zeit spannende Angebote erfahren und anregende Räume nutzen können und es zugleich Angebote zum Entspannen und Ausruhen gibt und außerdem Raum und Ruhe für die Kinder, die schlafen. Auch hier gilt: ausprobieren, Erfahrungen sammeln, Kinder einbeziehen und kleine Schritte wagen!

Das Team ist inzwischen so weit, dass alle Kinder entscheiden können, ob sie Mittagsschlaf machen oder nicht. Die Schlafsituation wird so gestaltet, dass Raum für die Entscheidungen der Kinder bleibt: es gibt Leseangebote, es wird aber nicht so lange gelesen, bis alle schlafen. Der Schlafraum ist gemütlich und das Licht wird gedimmt, er wird aber nicht vollständig abgedunkelt. Interessant ist, dass bisher von den Familien nur positive Rückmeldungen kamen. Auch für sie ist klar, dass nicht alle Kinder den Mittagsschlaf brauchen, und viele freuen sich, dass es jetzt mehr Wahlmöglichkeiten für ihre Kinder gibt. Für viele Fachkräfte ist der Alltag damit entspannter geworden. Es gibt weniger Druck, die Routinen durchzusetzen und Kinder, die stolz sind, dass sie selbst entscheiden dürfen, wie sie ihre Mittagszeit gestalten.
Verweise
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2022): Übereinkommen über die Rechte des Kindes. VN-Kinderrechtskonvention im Wortlaut mit Materialien. https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/93140/fe59de84a8fc3a6ffc61e8a5559cac9d/uebereinkommen-ueber-die-rechte-des-kindes-data.pdf
Macha, K. & Hildebrandt, F. (2020): Wir müssen mittags nicht mehr schlafen! Veränderungsprozesse mit Kindern in der Kita gestalten. wamiki.
Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (MBJS) des Landes Brandenburg (2024): Bildungsplan – erweiterte Grundsätze elementarer Bildung in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung im Land Brandenburg. https://mbjs-fachportal.brandenburg.de/sixcms/media.php/102/bildungsplan.pdf
wamiki (2025): Bildkartenset: Essen und Schlafen – Mit Kindern über Alltagssituationen sprechen. 36 Bild- und Textkarten. https://wamiki.de/shop/wamiki/extras/bildkartenset-essen-und-schlafen/
Zum Weiterlesen und -hören:
Der Paritätische Gesamtverband (2021). Ruhezeiten in der Kindertageseinrichtung und -tagespflege (5/13) – KiTa [Video]. https://www.youtube.com/watch?si=pHBYomCZlw55zqY4&v=1SVvs-kLf4E&feature=youtu.be
Fachkräfte-Podcast „Auf die ersten Jahre kommt es an“ von Fröbel e.V., nifbe und Kathrin Hohmann (2026): „Wir müssen mittags nicht mehr schlafen“ – Schlafen, Ruhen & Entspannen in der Kita.
Kramer, M. & Gutknecht, D. (2026). Schlafen und Ruhen responsiv begleiten: Achtsame und konkrete Gestaltungsmöglichkeiten. Herder.
