Stolperfreier Übergang
Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 1-2025 des KINDgerecht-Magazins für frühkindliche Bildung erschienen.
Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule ist ein „Dauerbrenner“ in der pädagogischen und öffentlichen Debatte. Angesichts mangelnder Basiskompetenzen im Grundschulalter werden erneut Maßnahmen wie verpflichtende Sprachtests, Vorklassen oder eine Kita-Pflicht diskutiert, um frühzeitig bestmögliche Bildungschancen für alle Kinder zu sichern. Häufig ignorieren diese Debatten jedoch empirische Befunde. Der Beitrag zeigt deshalb wissenschaftlich fundierte Ansatzpunkte für eine gelingende Übergangsgestaltung in Kitas auf.

Anschlussfähige Bildungsprozesse
Die gegenseitige Abstimmung von Curricula gilt als eine der wirksamsten Maßnahmen für einen erfolgreichen Übergang (Faust, 2012), wird in der Praxis jedoch selten umgesetzt. Der Gemeinsame Rahmen der Länder (JFMK & KMK, 2022) sowie die länderspezifischen Bildungspläne zielen zwar auf eine inhaltliche Anschlussfähigkeit zwischen Kita und Grundschule ab und bilden mit ihren Bildungsbereichen (z. B. Sprache, Mathematik, Musik) Anknüpfungspunkte zu Schulfächern. Bislang sind die Pläne jedoch selten bildungsstufenübergreifend angelegt und nicht verbindlich, obwohl sie mit dem Ziel eingerichtet wurden, die pädagogische Qualität in unterschiedlichen Bildungsbereichen zu stärken. Analysen, etwa zum Berliner Bildungsprogramm, zeigen, dass die intendierte Steuerungsfunktion so weitgehend verpufft (Faas & Kluczniok, 2023). Während die allgemeine Interaktionsqualität in den Einrichtungen meist gut ist, fällt die bereichsspezifische Qualität (z. B. Sprache, Mathematik) niedrig aus.
Ein wechselseitiger Austausch zwischen Fachkräften aus Kita und Grundschule über Bildungsinhalte und Förderansätze ist daher zentral, um ein geteiltes Bildungsverständnis zu entwickeln und Kooperationskonzepte zu erarbeiten –auch im Hinblick auf eine koordinierte Zusammenarbeit mit den Eltern. Dafür sind ausreichende zeitliche Ressourcen unerlässlich. Perspektivisch sollten Bildungspläne anhand überprüfbarer Kriterien guter Fachpraxis verbindlich umgesetzt und ihre Einhaltung systematisch überprüft werden, um eine hohe und anschlussfähige Bildungsqualität zu sichern.
Alltagsintegrierte Förderung zentraler Vorläuferkompetenzen
Die Bedeutung von Vorläuferkompetenzen für eine gelingende Übergangsbewältigung ist entwicklungspsychologisch gut belegt. Dabei geht es um die Förderung grundlegender Kompetenzen für den späteren Schriftspracherwerb sowie um mathematische und sozial-emotionale Kompetenzen, die für den Schulerfolg wichtig sind, wie beispielsweise Selbstregulation, Lernfreude und Empathie (Ehm & Hasselhorn, 2019; Kluczniok, 2019). Die vielfältigen Spielsituationen und Routinen im Kita-Alltag bieten geeignete Anlässe, um die kindliche Entwicklung kindorientiert, spielbasiert und alltagsintegriert zu unterstützen. Dies setzt professionelle Kompetenzen der Fachkräfte voraus, um Alltagssituationen als Bildungsgelegenheiten zu erkennen und zu nutzen, etwa beim gemeinsamen Essen, im Rollenspiel oder in dialogischen Vorlesesituationen.

Kombination aus alltagsintegrierter und additiver Förderung
Eine gute Kita verbindet alltagsintegrierte und additive Fördermaßnahmen. Eine alltagsintegrierte (sprachliche) Bildung reicht für Kinder mit Förderbedarf oft nicht aus, insbesondere, wenn die Anregungsqualität in den einzelnen Bereichen eher niedrig ist. Additive Maßnahmen in Form von spezifischen Förderprogrammen wie „Hören, lauschen, lernen“ oder „Mengen, zählen, Zahlen“ sind wichtig, aber kein „Allheilmittel“, da mehrwöchige Trainings verpasste Fördergelegenheiten nicht komplett ausgleichen können. Daher ist eine Balance nötig zwischen selbstständigem bzw. eigenständigem Lernen, direkter Vermittlung grundlegender Fertigkeiten und Wissen sowie deren Anwendung in konkreten Alltagssituationen der Kinder, wie z. B. das Messen oder Abwiegen von Zutaten beim Kuchenbacken (Roßbach, 2008). Diese Förderung sollte früh beginnen und nicht nur das letzte Kitajahr umfassen, um allen Kindern gute Startbedingungen für die Schule zu ermöglichen.
Anregungen für Familien zur Gestaltung der häuslichen Lernumgebung
Die Familie ist als erste Sozialisationsinstanz entscheidend für die emotionale, soziale, kognitive und sprachliche Entwicklung von Kindern sowie für deren körperliche und psychische Gesundheit (Bäumer & Roßbach, 2012). Die Zusammenarbeit von Kita und Familie ist für die Entwicklungsunterstützung von Kindern von besonderer Bedeutung, vor allem für Familien mit einer weniger vielfältigen häuslichen Lernumgebung (Lehrl et al., 2020). Mit Blick auf die Übergangsgestaltung sollte es daher im Sinne einer gemeinsamen Erziehungs- und Bildungspartnerschaft die Aufgabe von Kita und Schule sein, den Eltern Tipps und Hinweise zu geben, wie sie zu Hause eine anregungsreiche Lernumgebung schaffen können. Beispiele hierfür sind das dialogische Vorlesen einer Gute-Nacht-Geschichte, gemeinsame Gespräche bei Mahlzeiten, Ausflüge oder Spiele. Eine gute Vernetzung von Familie, Kita und Schule stärkt die Bildungsqualität von Anfang an.
Fazit
Wir benötigen ein gemeinsames, bildungsstufenübergreifendes Bildungsverständnis, das adaptive Bildungs- und Förderprozesse ermöglicht. Diese sollten an den Voraussetzungen, Interessen und Bedürfnissen der Kinder ansetzen und auch die Familien miteinbeziehen. Ergänzend sind auf der Steuerungsebene verbindliche bundesweite Qualitätsstandards für die frühkindliche Bildung notwendig. Deren Einführung und Umsetzung erfordert eine fachliche Begleitung der Fachkräfte sowie zeitliche und personelle Ressourcen. Diese Maßnahmen sind entscheidend, um Bildungserfolg für alle Kinder von Anfang an sicherzustellen.
Literatur
Bäumer, T. & Roßbach, H.-G. (2012). Die Familie macht‘s. Die Bedeutung der Familie für kindliche Bildungsprozesse. DJI Impulse, 100(4), 39–41. https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bulletin/d_bull_d/bull100_d/DJIB_100.pdf
Ehm, J.-H. & Hasselhorn, M. (2019). Unterstützung und Förderung der Schulbereitschaft. Sprache Stimme Gehör, 43(4), 201–205.
Faas, S. & Kluczniok, K. (2023). Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Bildungspläne im Elementarbereich und die Frage nach der Qualität pädagogischer Praxis. Frühe Bildung, 12(1), 30–38. https://doi.org/10.1026/2191-9186/a000604
Faust, G. (2012). Zur Bedeutung des Schuleintritts für die Kinder –für eine wirkungsvolle Kooperation von Kindergarten und Grundschule. In S. Pohlmann-Rother & U. Franz (Hrsg.), Kooperation von KiTa und Grundschule. Eine Herausforderung für das pädagogische Personal (S. 11–21). Carl Link.
Jugend- und Familienministerkonferenz der Länder (JFMK). & Kultusministerkonferenz (KMK). (2022). Gemeinsamer Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen. https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_06_03-Fruehe-Bildung-Kindertageseinrichtungen.pdf
Kluczniok, K. (2019). Entwicklungspsychologie des Kindes beim Übergang Kindergarten/Grundschule. Sprache Stimme Gehör, 43(4), 187–191. https://doi.org/10.1055/a-0949-0857
Lehrl, S., Evangelou, M. & Sammons, P. (2020). The home learning environment and its role in shaping children’s educational development. School Effectiveness and School Improvement, 31(1), 1–6. https://doi.org/10.1080/09243453.2020.1693487
Roßbach, H.-G. (2008). Was und wie sollen Kinder im Kindergarten lernen? In H.-U. Otto & T. Rauschenbach (Hrsg.), Die andere Seite der Bildung (S. 123–131). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-90972-1_9
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Sprachbildung stärken – Buchtipps für den Lesestart
„Ich freu‘ mich auf die Pausen“ – Was Kita-Kinder über die Schule denken
Gastautorin

Katharina Kluczniok ist Professorin für frühkindliche Bildung und Erziehung an der Freien Universität Berlin und wissenschaftliche Vorständin bei der pädquis Stiftung. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen auf der Qualität in frühkindlichen Lernumgebungen und deren Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung sowie beim Übergang von der Kita in die Grundschule.
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