Rassismuskritisch arbeiten in der Kita: aufmerksam im Alltag, klar in der Haltung
Ein Beitrag von Domenica Licciardi
Die Kita ist ein Lern- und Lebensort. Hier erleben Kinder jeden Tag, was als selbstverständlich gilt, wer dazugehört und wie mit Unterschieden umgegangen wird. Sie hören, wie über Hautfarben, Sprachen, Namen oder Familien gesprochen wird. Sie beobachten, wer geschützt wird, wer erklären muss und wessen Perspektive wenig Raum bekommt.
Deshalb ist rassismuskritische Pädagogik kein Zusatzthema. Sie gehört zur Bildungsqualität und zum Kinderschutz. Kinder haben ein Recht auf Schutz vor Diskriminierung und auf eine Umgebung, in der sie in ihrer Entwicklung gestärkt werden. Dieser Auftrag ist auch rechtlich und fachlich verankert – unter anderem in der UN-Kinderrechtskonvention, im gesetzlichen Förder- und Schutzauftrag der Kindertagesbetreuung sowie in den Bildungsplänen und Bildungsgrundsätzen der Bundesländer. Für Kindertageseinrichtungen heißt das: Benachteiligungen wahrnehmen, ihnen entgegenwirken und Teilhabe aktiv ermöglichen. In einem rassismuskritischen Zusammenhang heißt das, besonders auf Benachteiligungen zu achten, die an zugeschriebene Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Religion oder andere rassifizierte Merkmale anknüpfen. Für Fachkräfte bedeutet das, aufmerksam zu sein, Situationen einzuordnen, Kinder zu stärken und den Alltag so zu gestalten, dass Zugehörigkeit für alle Kinder erfahrbar wird.
Rassismuskritisch zu arbeiten heißt nicht, einzelne Menschen vorschnell zu verurteilen. Es geht vielmehr darum, die Wirkung pädagogischen Handelns ernst zu nehmen – auch dann, wenn etwas gut gemeint ist. Hilfreich ist dabei eine klare Unterscheidung: Rassismus ist eine Form von Diskriminierung, aber nicht jede Diskriminierung ist Rassismus. Von Rassismus ist dann zu sprechen, wenn Menschen aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener Merkmale wie Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Religion oder Kultur als „anders“ markiert und benachteiligt werden. Das zeigt sich nicht nur im Verhalten einzelner Personen, sondern auch in Routinen, Strukturen und gesellschaftlichen Bildern. Gerade im Kita-Alltag lohnt sich deshalb der genaue Blick: Geht es um allgemeine Ausgrenzung oder um eine rassistische Dimension? Der Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung, wie ihn unter anderem Kinderwelten entwickelt hat, setzt genau hier an: bei der bewussten Reflexion des Alltags, der Materialien, der Sprache und der institutionellen Routinen.

Rassismus im Kita-Alltag zeigt sich oft unscheinbar
Rassismus tritt in der Kita meist nicht als offener Konflikt auf. Häufig zeigt er sich in beiläufigen Bemerkungen, im Spiel, in Zuschreibungen oder in Momenten, in denen Erwachsene nicht sofort reagieren.
Zum Beispiel wird ein Kind wiederholt gefragt, „wo es eigentlich herkommt“, obwohl es selbst gerade einfach mitspielen möchte. Oder ein Kind erlebt, dass über seine Hautfarbe, seinen Namen, seine Familiensprache oder seine Religion nicht neutral, sondern abwertend, exotisierend oder ausschließend gesprochen wird. Auch Erwachsene senden Signale: wenn ein Name immer wieder falsch ausgesprochen wird, wenn eine Familiensprache vor allem als Problem erscheint oder wenn bei bestimmten Kindern schneller ein „auffälliges Verhalten“ vermutet wird.
Für Kinder sind solche Situationen nicht nebensächlich. Sie lernen daraus sehr genau, ob Unterschiede abgewertet werden, ob Erwachsene schützen und ob sie selbst mit ihrer Geschichte selbstverständlich dazugehören. Kinder entnehmen solche Botschaften nicht zuerst Erklärungen, sondern dem gelebten Alltag: Blicken, Reaktionen, Sprache, Materialien und Routinen. Gerade deshalb brauchen Kinder Fachkräfte, die nicht überhören, nicht wegsehen und nicht erst auf den „großen Vorfall“ warten.
Was Fachkräfte im Moment selbst tun können
Rassismuskritisches Handeln beginnt in der konkreten Situation. Entscheidend ist nicht, auf jede Äußerung sofort die perfekte Antwort zu haben. Wichtiger ist, handlungsfähig zu bleiben und Kindern zu zeigen: Ich höre hin, ich ordne ein, ich schütze.
Hilfreich sind zum Beispiel diese Schritte:
- Die Situation unterbrechen: „Stopp, so sprechen wir hier nicht miteinander.“
- Die rassistische Dimension benennen, wenn sie erkennbar ist: „Es ist nicht in Ordnung, jemanden wegen der Hautfarbe, der Sprache, des Namens oder der Herkunft auszuschließen oder abzuwerten.“
- Die Situation einordnen: „Menschen sehen unterschiedlich aus, sprechen unterschiedliche Sprachen und haben unterschiedliche Geschichten. Das ist normal. Niemand wird deshalb ausgeschlossen.“
- Das betroffene Kind stärken: „Du gehörst dazu. Es ist gut, dass du hier bist.“
- Anschließend mit den beteiligten Kindern weiterarbeiten: Was ist passiert? Was war daran verletzend? Wie können wir miteinander sprechen?
Für Fachkräfte ist dabei eine Reflexionsfrage besonders hilfreich: Was hat das betroffene Kind in diesem Moment über sich, über Schutz und über Zugehörigkeit gelernt?
Diese Perspektive verändert den Blick. Es geht dann nicht zuerst darum, ob „es doch nicht so gemeint war“, sondern darum, welche Wirkung entstanden ist.
Prävention braucht feste Formate im Team
Damit rassismuskritische Arbeit nicht vom Zufall oder vom Engagement Einzelner abhängt, braucht sie Verbindlichkeit im Team. Fachkräfte gewinnen Sicherheit, wenn es feste Anlässe gibt, Situationen gemeinsam auszuwerten und die eigene Praxis zu überprüfen. Entscheidend ist, dass das Thema nicht bei einzelnen Personen liegen bleibt, sondern als gemeinsame Aufgabe von Team und Leitung verstanden wird.
Praxistaugliche Formate sind zum Beispiel:
- Fallbesprechungen mit klarem Fokus: In Teamsitzungen wird regelmäßig ein konkreter Alltagsmoment besprochen, in dem eine rassistische Zuschreibung, Unsicherheit im Umgang mit Rassismus oder eine andere Form von Diskriminierung eine Rolle gespielt hat.
- Kollegiale Beratung: Eine Fachkraft schildert eine Situation, die sie irritiert hat. Das Team sammelt Beobachtungen, Fragen und nächste Handlungsschritte.
- Material-Check im Team: Bücher, Spiele, Puppen, Bilder und Rollenspielmaterialien werden gemeinsam daraufhin betrachtet, welche Bilder von Normalität, Familie und Zugehörigkeit sie vermitteln.
- Reflexionsfragen als Routine: Zum Beispiel: Wen sprechen wir wie an? Welche Familien sind sichtbar? Welche Kinder müssen sich häufiger erklären? Wo reagieren wir klar, wo bleiben wir eher ungenau?
- Fortbildungen und Teamtage: Sie helfen, Begriffe zu klären, Unsicherheiten abzubauen und eine gemeinsame Haltung zu entwickeln.
- Klare Absprachen im Leitungshandeln: Wer reagiert wie bei diskriminierenden Vorfällen? Wie werden Familien informiert? Wie werden Beschwerden aufgenommen und bearbeitet?
Hilfreich kann auch ein regelmäßiger „30-Minuten-Check“ im Team sein: Einmal im Monat nimmt sich das Team einen Bereich vor – etwa die Kinderbücher, die Verkleidungsecke oder die Eingewöhnungsgespräche – und prüft gemeinsam, welche Ausschlüsse oder einseitigen Bilder darin stecken könnten. So wird rassismuskritische Reflexion im Alltag verankert und bleibt nicht nur ein Thema für Fortbildungstage.
Zusammenarbeit mit Familien: klar, zugewandt und verbindlich
Rassismuskritische Pädagogik endet nicht an der Tür der Kita. Sie braucht eine vertrauensvolle und klare Zusammenarbeit mit Familien. Dazu gehört, das pädagogische Selbstverständnis transparent zu machen: Die Kita ist ein Ort, an dem alle Kinder Schutz erfahren und an dem diskriminierende Äußerungen und Handlungen nicht stehen bleiben. Dazu gehört auch, rassistische Zuschreibungen, Abwertungen und Ausschlüsse nicht zu bagatellisieren, sondern fachlich aufzugreifen.
Für die Praxis bedeutet das:
- Das Thema Vielfalt, Zugehörigkeit, respektvollen Umgang und den Umgang mit rassistischen Vorfällen bereits im Konzept, bei Aufnahmegesprächen und Elternabenden anzusprechen.
- Familien mitzuteilen, wie die Kita handelt, wenn Kinder Diskriminierung oder Rassismus erleben.
- Beschwerdewege verständlich und zugänglich zu machen.
- Wichtige Informationen mehrsprachig oder sprachsensibel aufzubereiten.
- Sprachbarrieren nicht einseitig den Familien zu überlassen, sondern Wege der Verständigung aktiv mitzugestalten.
- Mit Familien über das Wohlbefinden ihrer Kinder im Austausch zu bleiben.
Besonders wichtig ist die Reaktion, wenn ein Kind rassistische Ausgrenzung oder eine andere diskriminierende Erfahrung erlebt hat. Familien brauchen dann keine Relativierung, sondern Klarheit: Die Erfahrung des Kindes wird ernst genommen, die Kita übernimmt Verantwortung und beschreibt nachvollziehbar die nächsten Schritte.

Auch präventiv lässt sich viel tun. Einrichtungen können Familien einladen, Sprachen, Lieder, Geschichten oder Alltagswissen einzubringen – nicht als dekoratives Zusatzprogramm, sondern als selbstverständlichen Teil des Zusammenlebens in der Kita.
Mit Kindern arbeiten: im Alltag, in der Raumgestaltung und in Angeboten
Kinder nehmen Unterschiede wahr und sprechen sie an. Darin liegt eine wichtige Bildungschance. Fachkräfte können diese Momente aufgreifen, ohne Unterschiede zu dramatisieren oder Kinder auf Merkmale zu reduzieren. Dabei geht es nicht nur darum, auf verletzende Situationen zu reagieren. Es geht auch darum, Kinder in ihrer Identität zu stärken, Vielfalt selbstverständlich erfahrbar zu machen, über Ungerechtigkeit zu sprechen und Kinder darin zu unterstützen, für sich und andere einzustehen. Rassismuskritisch heißt in diesem Zusammenhang auch, Kinder darin zu begleiten, abwertende Bilder und Zuschreibungen nicht einfach zu übernehmen.
Im Alltag
- Fragen von Kindern ruhig und altersgerecht beantworten
- Unterschiede benennen, ohne sie zu bewerten
- ausgrenzende Aussagen nicht übergehen
- bei Bildern und Formulierungen darauf achten, niemanden zur Ausnahme zu machen
Ein Beispiel: Ein Kind sagt beim Malen: „Das ist Hautfarbe.“ Dann kann eine Fachkraft antworten: „Für wen? Haut sieht ganz unterschiedlich aus. Wir können zusammen schauen, welche Farben zu uns passen.“ So wird eine alltägliche Situation zu einem Lernmoment.
In der Raumgestaltung und bei den Materialien
Räume und Materialien senden jeden Tag Botschaften. Deshalb lohnt es sich, sie regelmäßig daraufhin zu prüfen, wer darin vorkommt, wie Menschen dargestellt werden und welche Lebensrealitäten fehlen.
Wichtige Fragen für Fachkräfte sind:
- Finden Kinder Puppen, Bücher und Bilder, in denen sie sich wiedererkennen können?
- Werden unterschiedliche Hauttöne, Haare, Familienformen, Sprachen und Lebensweisen selbstverständlich gezeigt?
- Gibt es Materialien, die stereotype oder abwertende Darstellungen transportieren?

Hilfreiche konkrete Schritte:
- Hautfarbenstifte durch differenzierte Farbsortimente ergänzen.
- Puppen und Spielfiguren mit unterschiedlichen Hautfarben und Merkmalen bereitstellen.
- Familienfotos der Kinder sichtbar integrieren.
- Beschriftungen und Begrüßungen in mehreren Sprachen aufnehmen.
- Bücher aussortieren oder ersetzen, die einseitige oder problematische Bilder vermitteln.
Mehr zum Thema Raumgestaltung und Materialauswahl findet sich in unserem Beitrag Räume, die einladen: Wie Lernumgebungen Bildungsprozesse unterstützen.
In gezielten Angeboten und Projekten
Auch spezielle Angebote können Kinder in ihrer Identität stärken und Zugehörigkeit sichtbar machen. Bewährt haben sich zum Beispiel:
- Ich-Bücher oder Portfolioseiten über die eigene Lebenswelt: Wer gehört zu mir? Welche Sprachen höre ich zu Hause? Was ist mir wichtig?
- Angebote zu Hauttönen und Farben: Farben mischen, vergleichen und benennen, ohne eine Farbe als Norm zu setzen.
- Bücherkisten zu vielfältigen Lebensrealitäten: Geschichten über unterschiedliche Familien, Sprachen, Aussehen, Religionen und Alltage.
- Kinderkonferenzen zum Zusammenleben: Wie wollen wir miteinander sprechen? Was tun wir, wenn jemand ausgeschlossen wird?
Ein gut anschlussfähiges Praxisbeispiel ist ein Angebot, bei dem Kinder eigene Bücher über sich gestalten. Sie füllen diese mit Fotos, Zeichnungen, Lieblingsorten, wichtigen Menschen und Wörtern aus ihren Familiensprachen. Wenn diese Bücher anschließend in der Leseecke stehen, wird sichtbar: Jede Geschichte hat hier ihren Platz.
Rassismuskritik ist auch eine Frage der Teamkultur
Rassismuskritische Arbeit richtet sich nicht nur auf Kinder und Familien, sondern auch auf die Zusammenarbeit im Team. Kolleginnen und Kollegen können selbst Diskriminierung erleben oder in Situationen geraten, in denen sie Unterstützung brauchen. Eine professionelle Teamkultur schafft dafür Raum. Sie hilft außerdem, Abwehr zu verringern: Nicht Schuldzuweisungen stehen im Mittelpunkt, sondern die gemeinsame Frage, was Kinder und Familien brauchen und wie professionelles Handeln verlässlich gestaltet werden kann.
Dazu gehört:
- Erfahrungen von Beschäftigten ernst zu nehmen.
- Grenzverletzungen nicht zu bagatellisieren.
- Verantwortung nicht auf einzelne Betroffene zu verlagern.
- Leitungshandeln klar und verlässlich zu gestalten.
Eine rassismuskritische Teamkultur zeigt sich nicht darin, dass nie Fehler passieren. Sie zeigt sich darin, wie ein Team mit Unsicherheit, Kritik und Lernprozessen umgeht.
Fazit: aufmerksam sein, unterscheiden, handeln
Rassismuskritisch zu arbeiten heißt, den Kita-Alltag bewusst zu gestalten – in Sprache, Materialien, Routinen, Angeboten und im Miteinander. Für Fachkräfte bedeutet das vor allem: genau hinzuschauen, zwischen allgemeiner Diskriminierung und rassistischer Dimension zu unterscheiden, Kinder zu schützen, Zugehörigkeit aktiv zu stärken und die eigene Praxis immer wieder zu überprüfen.
So wird rassismuskritische Pädagogik nicht zum Zusatzthema, sondern zu einem sichtbaren Teil von Bildungsqualität und Kinderschutz. Ziel ist, dass jedes Kind die Einrichtung als einen Ort erlebt, an dem es sicher ist, ernst genommen wird und selbstverständlich dazugehört.
Zum Weiterlesen
Institut Kinderwelten für diskriminierungskritische Bildung
Elementarpädagogik in der postmigrantischen Gesellschaft (Sammelband; Beltz).
Ansari, Mahdokht; Azun, Serap; Boldaz-Hahn, Stefani; Richter, … (Hrsg.): Qualitätshandbuch für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung in Kitas (Band 7). Berlin: Wamiki.
Wagner, Petra; Hahn, Stefani; Enßlin u. a. (Hrsg.) (2006): Macker, Zicke, Trampeltier … Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung in Kindertageseinrichtungen. Verlag das Netz.
Gomolla, Mechtild; Radtke, Frank-Olaf (2009): Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Gastautorin

Domenica Licciardi ist Fachberaterin bei Fröbel und begleitet mehrere Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen.
