Schule muss „kindfähig“ gestaltet sein
Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 1-2025 des KINDgerecht-Magazins für frühkindliche Bildung erschienen.
Kinder sind von Natur aus neugierig, erfinderisch und voller Energie. Sie brauchen Bildungseinrichtungen, die diese Stärken fördern, statt sie einzuschränken. Gerade im Übergang von der Kita in die Schule zeigt sich, wie wichtig es ist, dass nicht Kinder an starre Strukturen angepasst werden, sondern Schulen sich an den Bedürfnissen von Kindern orientieren. Wie das gelingen kann, erläutert Bildungsforscherin Prof. Dr. Gerlind Große.

Prof. Dr. Gerlind Große, Forschungsprofessorin für Frühkindliche Bildungsforschung und Leiterin des PINA-Forschungslabors an der Fachhochschule Potsdam.
Was unterscheidet die vorschulische Bildung in der Kita grundlegend von der schulischen Vorbereitung auf den Schulbeginn?
Kita-Bildung ist keine Vorstufe von Schule, sondern ein eigener Bildungsort. Am meisten lernen Kinder hier in gut begleiteten Alltagssituationen – beim Anziehen, Essen, Streiten und Vertragen, Bauen und Erzählen. Entscheidend sind feinfühlige, kognitiv anregende Interaktionen und Zeit für individuelles Tempo. „Vorbereitung auf die Schule“ bedeutet deshalb nicht Arbeitsblätter auszufüllen oder „jeder malt einen Baum“, sondern vor allem die Stärkung der Selbstregulation, der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, der sozial-emotionalen Kompetenz und der Neugier. Die jüngste Debatte zu diesem Thema wurde durch die Nationale Empfehlung der Leopoldina mit dem Titel: „Förderung von Selbstregulationskompetenzen in Kitas und Schulen“ (2025) angestoßen. Darin wird Selbstregulation als zentrale, bildungsrelevante Querschnittskompetenz hervorgehoben und eine systematische Förderung über den gesamten Bildungsverlauf hinweg gefordert. Das Schulportal hat die Empfehlung aufgegriffen und diskutiert. Natürlich braucht es einen guten (also viel besseren) Betreuungsschlüssel. Ausreichend Zeit ist die Voraussetzung dafür, dass Fachkräfte genau diese Lerngelegenheiten im Alltag aufgreifen können. Wichtig ist auch: Nicht die Kinder müssen „schulfähig“ gemacht werden – die Schule muss „kindfähig“ gestaltet sein.
Kita-Bildung ist keine Vorstufe von Schule, sondern ein eigener Bildungsort. Am meisten lernen Kinder hier in gut begleiteten Alltagssituationen – beim Anziehen, Essen, Streiten und Vertragen, Bauen und Erzählen. Entscheidend sind feinfühlige, kognitiv anregende Interaktionen und Zeit für individuelles Tempo. „Vorbereitung auf die Schule“ bedeutet deshalb nicht Arbeitsblätter auszufüllen oder „jeder malt einen Baum“, sondern vor allem die Stärkung der Selbstregulation, der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, der sozial-emotionalen Kompetenz und der Neugier. Die jüngste Debatte zu diesem Thema wurde durch die Nationale Empfehlung der Leopoldina mit dem Titel: „Förderung von Selbstregulationskompetenzen in Kitas und Schulen“ (2025) angestoßen. Darin wird Selbstregulation als zentrale, bildungsrelevante Querschnittskompetenz hervorgehoben und eine systematische Förderung über den gesamten Bildungsverlauf hinweg gefordert. Das Schulportal hat die Empfehlung aufgegriffen und diskutiert. Natürlich braucht es einen guten (also viel besseren) Betreuungsschlüssel. Ausreichend Zeit ist die Voraussetzung dafür, dass Fachkräfte genau diese Lerngelegenheiten im Alltag aufgreifen können. Wichtig ist auch: Nicht die Kinder müssen „schulfähig“ gemacht werden – die Schule muss „kindfähig“ gestaltet sein.

Welche Rolle spielt die Beziehungsgestaltung in der Kita für eine gelingende Vorbereitung auf die Schule – und wie unterscheidet sich diese Beziehungsqualität von der in der Grundschule?
In der Kita ist Beziehung das zentrale Curriculum. Eine sichere, verlässliche Beziehung macht Lernen überhaupt erst möglich und schafft die Basis für Co-Regulation, Sprachbildung und Problemlösen. Im Unterschied zur Grundschule erlauben der entspanntere Tagesablauf (keine Einteilung in Unterricht und Pause) und der (idealerweise) bessere Schlüssel in der Kita mehr individuelle Zuwendung im jeweiligen Lernmoment. In der Schule sind Beziehungen natürlich genauso wichtig. Dort stoßen wir aber leider sehr schnell an strukturelle Grenzen (Größe der Lerngruppen, Taktung). Für einen gelungenen Übergang braucht es beides: starke Beziehungen in der Kita und eine Schule, die diese Beziehungskultur fortsetzt – beispielsweise mit Ankommenszeiten, festen Bezugspersonen und multiprofessioneller Unterstützung.
Kritische Stimmen sagen, dass Kitas zu „kleinen Schulen“ werden. Befürwortende plädieren hingegen für mehr strukturelle Anschlussfähigkeit. Wie sehen Sie die Balance zwischen spielerischem Lernen und schulvorbereitenden Elementen in der Kita?
Ich sehe es ebenfalls sehr kritisch, wenn Landesämter oder Ministerien der Meinung sind, man könne Lernen durch striktere Curricula herbeiführen. Wichtig ist, sich immer wieder klarzumachen, wie frühkindliche Bildung funktioniert: Spiel ist die Lernform des Kindes – und hochwirksam. Vorläuferfertigkeiten für Lesen, Schreiben und Mathematik entstehen beim Spielen, in Gesprächen, beim gemeinsamen Planen und Erkunden. Dort knüpfen sie an die Interessen der Kinder an, und wo mit Interesse gelernt wird, bleibt einfach mehr hängen. Schulvorbereitende Elemente müssen auch ihren Platz haben: alltagsintegriert, sinnstiftend und ohne Leistungsdruck. Das funktioniert beispielsweise hervorragend über Reime und Laute in Sprachspielen, Mengenbezeichnungen beim Bauen und Kochen oder Muster im Gestalten. Was dabei leider nicht hilft, sind Trainingslogiken, die Kinder aussortieren oder vergleichen. Frühzeitige Screenings sind sinnvoll, um Unterstützungsbedarfe nicht zu übersehen – sie dürfen aber nie zum Selektionsinstrument werden.
Gibt es aus Ihrer Sicht ein strukturelles Machtgefälle zwischen Schule und Kita, wenn es um die Definition von „Schulfähigkeit“ geht – und wie könnte dieses verändert werden?
Ja, de facto definiert häufig die Schule, was als „schulfähig“ gilt. Schließlich entscheidet die Schulleitung am Ende, ob ein Kind zurückgestuft wird. Nicht die Eltern und auch nicht das Kita-Team. Das verschiebt die Verantwortung vom System auf das Kind. Besser wäre ein gemeinsamer, stärkenorientierter Blick. Das gelingt, wenn Kita und Schule zunächst eine gemeinsame Sprache entwickeln, um sich über Kompetenzen und Interessen auszutauschen. Wichtig ist es, Übergabegespräche auf Augenhöhe mit den Eltern und – altersangemessen – mit dem Kind selbst zu führen. Es hilft, wenn sich Schule und Kita gegenseitig besuchen und die Art der Dokumentation kennenlernen. In der Schule wären auch flexiblere Einstiege und individuelle Lernwege sinnvoll. Das würde den Anpassungsdruck reduzieren. Ganz nach dem Motto: Nicht das Kind passt sich dem System an, sondern die Systeme passen sich der Vielfalt der Kinder an.

In Ihrer Lehre und Forschung spielen Diversität und Teilhabe eine zentrale Rolle. Wer schafft es besser, auf die individuellen Voraussetzungen von Kindern einzugehen: die Schule oder die Kita?
Es ist kein Entweder-Oder, sondern eine Frage der Bedingungen. Kitas haben durch den Alltagsbezug große Chancen für eine individualisierte Begleitung, wenn der Betreuungsschlüssel stimmt und Zeit für Beobachtung, Dialog und Reflexion vorhanden ist (was jedoch meist nicht der Fall ist, da die Betreuungsschlüssel zu schlecht sind und der Krankenstand deshalb zusätzlich hoch ist). Auch Schulen können mit multiprofessionellen Teams, Förderdiagnostik und verlässlichen Beziehungen sehr gut individuell begleiten, wenn Rhythmisierung, Klassengrößen und Ressourcen stimmen. In beiden Fällen sind eine gute Haltung, angemessene Betreuungsschlüssel und eine professionelle Lernkultur entscheidend. Dann gelingt Individualisierung in beiden Settings. Es gibt sowohl für Kitas als auch für Schulen tolle Vorbilder von Einrichtungen in Deutschland, die das konzeptionell sehr gut umgesetzt haben.
Was müsste passieren, damit die Vorschularbeit besser gelingt – unabhängig davon, ob sie primär in der Kita oder in der Schule stattfindet?
Stellen Sie sich einen Montagmorgen vor. Ein Kind kommt an, hängt seine Jacke auf und wird mit Namen begrüßt. Weil der Betreuungsschlüssel stimmt, hat die Fachkraft Zeit, sich auf Augenhöhe hinzuknien und das Kind zu fragen: „Wie war dein Wochenende?“ Aus diesem kleinen Moment entsteht Bildung: Im Erzählen übt das Kind Sprache, im gemeinsamen Sortieren und Zählen der Frühstücksbrote werden Mengen verhandelt, beim Streit um den Baustein üben zwei Kinder Selbstregulation – feinfühlig begleitet und kognitiv anregend. Alltagsintegrierte Bildung heißt hier: Es gibt bewusst geschützte Zeitfenster für Beobachtung, Dialog und Resonanz.
Frühe Screenings würden regelmäßig, mehrdimensional und vor allem ressourcenorientiert durchgeführt. Sie zeigen, wo Unterstützung guttun würde: Der Hörtest ist unauffällig, die Feinmotorik braucht Übung und der Wortschatz ist stark – was hilft konkret? Nun liegt es an der individuellen Kompetenz der Fachkraft, daraus die richtigen Schlüsse und Angebote abzuleiten.
Idealerweise beginnt der Übergang in die Schule lange vor dem ersten Schultag: Die Kinder besuchen ihre künftige Klasse, gemeinsam werden die Portfolios angeschaut und es finden Übergabegespräche auf Augenhöhe statt – zwischen Kita, Schule, Eltern und, altersangemessen, dem Kind selbst. Die Schule knüpft nahtlos daran an: Es gibt feste Bezugspersonen, Ankommenszeit statt Klingeltakt und flexible sowie individuelle Lernwege im Lernbüro statt Frontalunterricht im Gleichschritt (was in der Grundschule allerdings nur noch wirklich selten passiert). Toll wäre es, wenn sich Partizipation wie ein roter Faden hindurchziehen würde: Die Kinder entscheiden mit, was sie erforschen und wie sie zeigen, was sie können.
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