Gemeinsam stark: Wie Kitasozialarbeit Kinder und Familien unterstützt
Interview mit Diana Windhaiser
Kitasozialarbeiterin bei Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH
Kitasozialarbeit ist ein vergleichsweise junges Arbeitsfeld, das noch kein einheitliches Berufsbild hat. Wie würden Sie in wenigen Sätzen erklären, was Kitasozialarbeit ist und welche Lücke sie im Unterstützungssystem für Familien schließt?
Kitasozialarbeit ist ein sozialpädagogisches Zusatzangebot und hat einen eigenen Auftrag in der Kita. Während pädagogische Fachkräfte vor allem den Bildungs- und Betreuungsauftrag erfüllen, bietet Kitasozialarbeit professionelle Unterstützung bei Hürden im Alltag.
Die Tätigkeiten sind dabei sehr vielfältig und auf die jeweilige Einrichtung zugeschnitten: Kitasozialarbeit ist Anlaufstelle für Eltern, hört zu, berät beispielsweise in krisenhaften Situationen oder im Umgang mit Behörden, vermittelt an passende Hilfen und stärkt Netzwerke im Sozialraum. Ebenso begleiten und unterstützen sie das pädagogische Team in herausfordernden Situationen und bieten Angebote für Kinder zur Stärkung ihrer Resilienz, Gesundheitsförderung und sprachlicher Bildung.

Kitasozialarbeit schließt eine zentrale Lücke im Unterstützungssystem: die zwischen den Frühen Hilfen und der Schulsozialarbeit. Während die Frühen Hilfen vor allem in den ersten Lebensjahren greifen und die Schulsozialarbeit erst beim Schuleintritt ansetzt, begleitet die Kitasozialarbeit Familien in den Jahren dazwischen. Damit trägt sie dazu bei, Belastungen früh zu erkennen, Familien niedrigschwellig zu entlasten und gleiche Teilhabechancen für alle Kinder zu fördern.
Sie betonen, dass Kitasozialarbeit von einer wertschätzenden, offenen und ressourcenorientierten Haltung lebt. Was bedeutet das konkret für Ihren Arbeitsalltag – und wie gelingt es, eine vertrauensvolle Beziehung zu Familien aufzubauen, die möglicherweise mit Vorbehalten oder Ängsten kommen?
Für mich heißt eine wertschätzende, offene und ressourcenorientierte Haltung, dass ich Familien ernst nehme und auf Augenhöhe begegne. Ich gehe immer davon aus, dass alle Eltern das Beste für ihr Kind wollen, auch wenn Wege oder Voraussetzungen unterschiedlich sein können.

Im Alltag zeige ich mich bewusst präsent und ansprechbar – beim Bringen und Abholen, bei kleinen Tür-und-Angel‑Momenten. Diese kurzen, unverbindlichen Kontakte sind für mich der Schlüssel, um Vertrauen aufzubauen. Viele Familien öffnen sich erst, wenn sie erleben: Ich höre zu, ich bewerte nicht und ich will wirklich unterstützen. Gerade Familien mit Vorbehalten brauchen Zeit und Sicherheit. Durch Präsenz im Alltag und herzliches Interesse baue ich Vertrauen Schritt für Schritt auf.
In Ihrem Vortrag haben Sie das Konzept des „Goldenen Tisches“ vorgestellt – eine bewusst gestaltete Einzelzeit mit Kindern beim Mittagessen. Können Sie uns erklären, wie dieses Format entstanden ist und welche besonderen Momente Sie dabei mit den Kindern erleben?
Die Idee, eine Mahlzeit bewusst zu einem besonderen Moment zu gestalten, ist nicht neu: Viele Fröbel-Einrichtungen kennen das Format des „Goldenen Tisches“, das je nach Haus individuell umgesetzt wird.
Im Fröbel-Kindergarten & Familienzentrum Lustheider Straße hat sich dieses Format ganz organisch entwickelt: Ausgangspunkt war der immer wieder geäußerte Wunsch der Kinder „Diana, darf ich bei dir einen Tee trinken?“ Diese Situation war für mich ein wichtiger Hinweis darauf, dass die Kinder ein tiefes Bedürfnis nach individueller Wahrnehmung und ungeteilter Aufmerksamkeit haben. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, ihnen zuhören und einfühlend begegnen. Aus dieser Beobachtung entstand die Idee, das gemeinsame Essen zu einem bewusst gestalteten, exklusiven Einzelmoment zu machen.

Am Goldenen Tisch geht es nicht nur ums Essen, sondern um Beziehung: Ein Kind bekommt Zeit, Raum und eine Atmosphäre, in der es sich gesehen und wichtig fühlt. Dass dieses Angebot sein Ziel erreicht, zeigt sich zum einen an der großen Nachfrage, mittlerweile biete ich den Goldenen Tisch bis zu 3x pro Woche an. Die Rückmeldungen der Kinder sind oft rührend und zeigen, wie besonders sie sich fühlen. Die Kinder äußern z. B., dass sie sich vorkommen wie ein Erwachsener in einem Restaurant. Ein Kind sagte mal „Diana, kennst du Belle? Die hat auch so eine Schüssel. Ich fühle mich wie Belle, wenn ich bei dir esse!“ Die Themen, die die Kinder in dieser geschützten Situation ansprechen, sind häufig von großer Bedeutung. Es geht beispielsweise um den Umgang mit Gefühlen, um Ängste, etwa vor dem Übergang in die Schule, oder auch um kinderschutzrelevante Inhalte, die im Anschluss selbstverständlich professionell weitergeführt werden.
Warum sind gerade Kindheitspädagoginnen und Kindheitspädagogen Ihrer Meinung nach besonders für die Kitasozialarbeit geeignet – und welche zusätzlichen Kompetenzen aus der Sozialen Arbeit braucht es, um dieses Arbeitsfeld professionell auszugestalten?
Kindheitspädagog:innen bringen aus meiner Sicht eine hervorragende Grundlage für die Kitasozialarbeit mit. Wir arbeiten mitten im System Kita und genau deswegen ist es ein großer Vorteil, zu wissen, wie eine Kita funktioniert. Sie kennen die pädagogischen Abläufe, die Belastungsspitzen im Alltag, die Entwicklung des Kindes im Kontext der frühen Bildung und die Dynamiken in Teams und Gruppen. Gleichzeitig reicht pädagogisches Wissen allein nicht aus, um Kitasozialarbeit professionell auszugestalten. Sozialarbeiterische Kompetenzen sind zwingend notwendig. Dazu gehören für mich vor allem:
- Beratungs- und Gesprächsführungskompetenz: Familien ressourcen‑ und lösungsorientiert begleiten, auch in herausfordernden Situationen.
- Reflexionsfähigkeit: Die eigene Haltung prüfen und Familiensysteme oder Belastungslagen fachlich einschätzen können.
- Systemisches Denken: Familien im Kontext ihrer Lebenslagen und Ressourcen betrachten.
- Fachwissen zu Sozialgesetzen und Hilfesystemen.
- Vernetzungs– und Kooperationsfähigkeit.
Kindheitspädagog:innen kennen den Kita‑Alltag und seine Dynamiken – Sozialarbeiter:innen bringen die fachlichen Kompetenzen für Beratung und Netzwerkarbeit ein. Die Verbindung beider Perspektiven macht Kitasozialarbeit so wirkungsvoll.

Kitasozialarbeit bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Pädagogik, Sozialarbeit und manchmal auch Kinderschutz. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in Ihrem Arbeitsalltag – und wo stoßen Sie an Grenzen, an denen Sie andere Fachstellen hinzuziehen müssen?
In der Kitasozialarbeit erlebe ich täglich, wie vielseitig und komplex dieses Arbeitsfeld ist. Auf der einen Seite lerne ich kontinuierlich dazu, auf der anderen Seite ist das Spektrum an Fragestellungen so breit, dass ich nicht in allen Bereichen eine Spezialisierung haben kann. Eltern kommen beispielsweise mit Fragen zu Privatinsolvenz, komplexen sozialrechtlichen Themen oder Angelegenheiten, die vom Aufenthaltsstatus abhängen. Das sind Felder, die tiefes Fachwissen erfordern, das weit über den Kita‑Kontext hinausgeht.
Meine Stärke und Spezialisierung liegen daher nicht darin, in jedem sozialarbeiterischen Teilgebiet Expertin zu sein, sondern in etwas Grundlegendem: Beziehungen aufzubauen, Orientierung zu geben und Familien sicher an die passenden Fachstellen zu vermitteln und sie auf diesem Weg zu begleiten.
Das Interesse an Ihrer Abendvorlesung war mit 98 Anmeldungen außergewöhnlich hoch. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Kitasozialarbeit in Deutschland – sowohl in Bezug auf die gesellschaftliche Anerkennung als auch auf die strukturelle Verankerung dieses Arbeitsfeldes?
Ich wünsche mir, dass Kitasozialarbeit in Deutschland flächendeckend und verbindlich sozial- und bildungspolitisch verankert wird – so selbstverständlich wie die Schulsozialarbeit. Kitas sind der erste Bildungsort, und genau dort brauchen Familien frühzeitig professionelle Unterstützung. Dafür braucht es eine dauerhafte Finanzierung, klare Strukturen und Sichtbarkeit, damit Kitasozialarbeit nicht als Zusatz, sondern als unverzichtbarer Bestandteil frühkindlicher Bildung anerkannt wird.
Gastautorin Diana Windhaiser

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