„Vielfältig wie DU“: Wenn Kinder spielerisch lernen, dass Vielfalt selbstverständlich ist
Interview mit Anastacia Wairimu Ng’ang’a, Afrikawissenschaftlerin
Vielfalt ist normal – und genau das sollen Kinder früh erleben dürfen. Doch wie gelingt es, diskriminierungssensible und interkulturelle Bildung schon im Kita-Alltag zu verankern?
Im Rahmen des Berliner Bildungsprogramms bieten wir die Workshops„Vielfältig wie DU“ an. Sei es durch das Lesen von Büchern über Vielfalt, durch Tanz oder einfache Spiele – die Kinder erleben in unseren Workshops spielerisch und mit viel Freude, was Vielfalt bedeutet.
Darüber hinaus kann interkulturelle Bildung auch im Kita-Alltag auf vielfältige Weise stattfinden:
- durch Materialien und Bücher, die unterschiedliche Menschen, Lebensweisen und Kulturen sichtbar machen,
- durch eine vielfältige Raumgestaltung, die verschiedene Perspektiven widerspiegelt, oder
- durch Bildungsangebote, die verschiedene Sprachen, Feste und Traditionen aufgreifen.
Auch die Zusammenarbeit mit Familien spielt eine wichtige Rolle. Etwa, wenn Eltern ihre kulturellen Erfahrungen einbringen oder gemeinsam Feste gestaltet werden. Besuche kultureller Orte im Umfeld der Kita, wie Museen, Bibliotheken oder Stadtteilprojekte, können ebenfalls dazu beitragen, dass Kinder Vielfalt als selbstverständlichen Teil ihres Lebens kennenlernen.

Wie ist das Workshop-Konzept „Vielfältig wie DU“ entstanden und worauf wurde besonders Wert gelegt?
Entstanden als Elterninitiative und seit 2023 als eingetragener Verein, bietet swahili swahili e. V. eine Plattform für Schwarze Kinder sowie deren Familien und Freund:innen. Im Mittelpunkt steht dabei Empowerment – durch Erzählen und durch Zuhören. Der Verein setzt sich damit auseinander, welche Erfahrungen Kinder mit antischwarzem Rassismus machen und wie sie gestärkt werden können, Anfeindungen selbstbewusst und zugleich aufklärend zu begegnen.
Vor diesem Hintergrund ist auch das Workshop-Konzept „Vielfältig wie DU“ entstanden. Es wurde in Kooperation mit einer Kita und unter aktiver Beteiligung von Eltern und Familien entwickelt. Besonders wichtig war dabei, die Perspektiven und Erfahrungen der Kinder ernst zu nehmen, ihre Biografien sichtbar zu machen und Räume zu schaffen, in denen Vielfalt wertgeschätzt wird und Kinder in ihrem Selbstbild gestärkt werden.
Durch ein vielfältiges Spektrum an Aktivitäten und Beteiligungsmöglichkeiten werden Werte wie Zugehörigkeit und ein positives Selbstbild in kindgerechter Sprache vermittelt. Der Fokus liegt dabei auf der Wertschätzung von Vielfalt.

Was sind typische Reaktionen oder Fragen von Kindern während der Workshops? Gibt es Situationen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Die teilnehmenden Kinder freuen sich auf einen Mitmach-Workshop, in dem sie sich beteiligen können. Wir kommen ins Gespräch, Kinder dürfen Fragen stellen und natürlich ihre Perspektiven einbringen. Aussagen wie „Nö, das stimmt nicht!“ oder „Doch, doch, das stimmt!“ begrüßen wir sehr.
“Was ist Zusammenleben?“
Kind 1: “Familie!“
Kind 2: „Und auch hier in der Kita!“
Die besonderen Momente sind, wenn die teilnehmenden Kinder sich gegenzeitig ergänzen oder sich korrigieren. Als Afrikawissenschaftlerin ist es meine Aufgabe, verschiedene Perspektiven zu sammeln und diese gemeinsam mit den Kindern eingehend zu vertiefen. Dadurch erhält jedes Kind die Möglichkeit, seine persönlichen Lebenserfahrungen mit der Gruppe zu teilen, was das Bewusstsein für Vielfalt fördert, und ihnen ermöglicht, diese wertzuschätzen.
Oft sind einzelne Aussagen der Kinder etwas ganz Besonderes für mich. Ihre Sicht auf die Welt, die Fragen, die sie stellen und die Antworten, die sie für sich finden, überraschen mich immer wieder und zeigen mir, dass wir Kindern gern noch mehr zuhören und auch von ihnen lernen können.
“Ich bin wie du, weil …
Kind: “Wir in der gleichen Welt leben.”
Was bedeutet für Sie ein „Safe Space“ – und wie gestalten Sie diesen konkret im Workshop?
Unsere Zielgruppe sind Kinder im Alter von 4 bis 6 Jahren mit vielfältigen Biografien. Während des Workshops legen wir Wert auf einen offenen Austausch, ohne dass Kinder, die von Diskriminierung betroffen sind, negativ dargestellt oder hervorgehoben werden. Alle dürfen sich mit ihren Erfahrungen einbringen. Insgesamt wird den Kindern vermittelt, dass Vielfalt etwas Positives ist und verschiedene Sprachen, Herkünfte, Familienformen usw. gleich wertvoll sind. Verletzende Sprache wird durch neue, sensiblere Begrifflichkeiten ersetzt. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist, dass unsere Workshops von geeigneten und qualifizierten Personen durchgeführt werden. Die vielfältigen Biografien und die Authentizität bei den Durchführenden sollen deutlich, sichtbar und für alle greifbar sein, damit das Vertrauen in die Inhalte für die teilnehmenden Kinder selbstverständlich entstehen kann.

Wie arbeiten Sie mit den pädagogischen Fachkräften der Kitas zusammen? Gibt es vorbereitende oder begleitende Formate?
Die Planung und Durchführung des Workshops erfolgen im Vorfeld in enger Abstimmung mit der jeweiligen Einrichtung und der Kita-Leitung. So können sich die Fachkräfte gut vorbereiten und die Kinder sowie ihre Familien frühzeitig informieren und ggf. ebenfalls schon vorher mit einbeziehen (z. B. können die Kinder bereits den Raum vorbereiten oder im Vorfeld Wünsche äußern).
Während des Workshops sind die pädagogischen Fachkräfte anwesend und beobachten die Durchführung zunächst am Rande. Im Anschluss an den Workshop „Vielfältig wie DU“ vereinbaren wir Termine für einen gemeinsamen Austausch. Darüber hinaus können begleitende Formate für Fachkräfte in Kombination mit den Workshops stattfinden. Zum Abschluss bieten wir mit dem Impuls „Vielfalt aktiv“ eine Möglichkeit, Anregungen für die praktische Umsetzung im Kita-Alltag zu erhalten.
Welche Rolle spielen Eltern in Ihrer Arbeit – und wie werden sie in das Thema einbezogen?
Eltern kennen ihre Kinder am besten und spielen deswegen für uns eine große Rolle. Im Rahmen unseres Projekts bieten wir zwei Formate an: geschlossene und offene Workshopangebote. Die Formate dienen dazu, die Zielgruppe in unterschiedlichen Konstellationen zu erreichen. Die geschlossenen Workshopangebote werden von Kindern in Begleitung von pädagogischen Fachkräften besucht, während an den öffentlichen Workshops Kinder teilnehmen, die von ihren Eltern oder Bezugspersonen begleitet werden. Je nach Format ermöglichen wir oder die Kitas ihnen, Einblicke in unsere Arbeit zu bekommen und gleichzeitig lernen sie ihre Kinder besser kennen. Die Kenntnisse, die die Familien durch ihre Anwesenheit während des Workshops erwerben, bilden eine gute Grundlage für einen anschließenden gemeinsamen Austausch. Es kommt dann auch häufig vor, dass Eltern oder Bezugspersonen unsere Workshops in ihren Kitas weiterempfehlen, während Erzieherinnen uns bei ihren Trägern empfehlen.
Was wünschen Sie sich langfristig für den Bildungsbereich in Bezug auf Vielfalt, Inklusion und Antirassismen?
Bereits früh wurde ich mit der Aussage gewarnt: „Kinder haben keine starke Lobby.“ Nach mehrjähriger Berufserfahrung habe ich jedoch gelernt, geduldig zu sein. Gleichzeitig zeigt sich ein Spannungsfeld: Sowohl im Berliner Bildungsprogramm als auch in den Grundprinzipien der UN-Kinderrechtskonvention werden zentrale Rechte von Kindern betont – unter anderem das Recht auf Diskriminierungsverbot (Artikel 2) sowie das Recht auf Beteiligung (Artikel 12). Beide Grundlagen verfolgen das Ziel, die positive Entwicklung jedes Kindes zu fördern.
Das Fehlen funktionierender Strukturen erschwert jedoch die Umsetzung dieser Ansprüche und führt dazu, dass wir unsere Workshopangebote nicht durchgängig in der gewünschten Regelmäßigkeit anbieten können. Unklare Strukturen tragen zudem dazu bei, dass bei allen Beteiligten Scheu und Hemmungen entstehen, sich mit Themen wie Vielfalt, Inklusion und Antirassismus auseinanderzusetzen.

Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass Kinder heute in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft aufwachsen. Der besondere Schutz von Minderheiten unterstreicht die Notwendigkeit diskriminierungssensibler Angebote im Rahmen interkultureller Bildung – bereits im Kita-Alltag. Gleichzeitig fehlen klare Wege zur Finanzierung der Workshops, wodurch wertvolle Zeit verloren geht. Langfristig wünsche ich mir daher verlässliche Strukturen, klare Zuständigkeiten und nachhaltige Finanzierungsmöglichkeiten, damit Vielfalt, Inklusion und Antirassismus als selbstverständlicher Bestandteil frühkindlicher Bildung verankert werden können. Ziel sollte es sein, Fachkräfte zu stärken und Kindern von Anfang an Räume zu eröffnen, in denen sie Vielfalt als Normalität erleben und aktiv mitgestalten können.
Über das Workshop-Angebot:
Das Workshop-Angebot „Vielfältig wie DU“ lädt Kinder im Alter von etwa 4 bis 6 Jahren dazu ein, Vielfalt spielerisch zu entdecken. Durch kreatives Tanzen, interaktives Lesen und gezielt eingesetzte Förderspiele lernen Kinder, Unterschiedlichkeit als selbstverständlich und bereichernd zu erleben.

Das Angebot wird von Swahili Swahili e.V. durchgeführt und schafft einen geschützten Raum für Neugier, Austausch und Empathie. „Vielfältig wie DU“ wurde im Rahmen des Berliner Bildungsprogramms sowie im Kontext von Elternpartizipation und Teilhabe in Kooperation mit einer Kita entwickelt. Die Workshops sind Teil eines Modellprojekts und ermutigen Kinder, sich aktiv einzubringen und ihre eigene Lebenswelt mitzugestalten.
Hier geht’s zur Workshopanmeldung!
Gastautorin

Die Workshops werden von Anastacia Wairimu Ng’ang’a geleitet. Sie ist in Kenia geboren, Mutter zweier Schwarzer Kinder, Afrikawissenschaftlerin sowie Initiatorin und Mitgründerin des Vereins swahili swahili e. V., einer Migrant:innenselbstorganisation.
Seit mehreren Jahren beschäftigt sich Frau Ng’ang’a mit der Kolonialgeschichte und deren Auswirkungen auf die Lebensrealitäten afrodeutscher Kinder, insbesondere im Kontext alltäglicher Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen. Ausgehend von ihrem biografischen und beruflichen Hintergrund vermittelt sie gesellschaftliche und soziale Schlüsselkompetenzen, die es ermöglichen, in einem geschützten Raum (Safe Space) sensibel und kindgerecht auf Themen wie Intersektionalität einzugehen.
Zum Weiterlesen – Unsere Blogartikel
„Alltagsdiskriminierung – Stimmen, Beispiele und Fragen aus der Praxis„
