„Ich bin wichtig“ – Kinder aktiv in Entwicklungsgespräche einbeziehen
Entwicklungsgespräche sind ein zentrales Element pädagogischer Arbeit in Kindertageseinrichtungen. Sie bieten Raum für Austausch, Reflexion und gemeinsame Perspektiven auf die Entwicklung eines Kindes. Ihre besondere Qualität entfalten sie dann, wenn sie regelmäßig stattfinden, ressourcenorientiert gestaltet sind und Kinder sowie ihre Familien aktiv einbezogen werden.
Ein Beitrag von Marco Maier
Entwicklungsgespräche als Ort gelebter Beteiligung
Kinder haben das Recht, gehört zu werden und an Entscheidungen, die sie betreffen, mitzuwirken. Dieses Beteiligungsrecht ist sowohl in der UN-Kinderrechtskonvention als auch im Fröbel-Leitbild fest verankert: „Ich habe das Recht mitzubestimmen. Ich bin wichtig.“ Entwicklungsgespräche eröffnen eine wertvolle Gelegenheit, dieses Recht im pädagogischen Alltag konkret umzusetzen. Mehr zum Thema Kinderrechte und wie sie diese den Kindern näherbringen können, erfahren Sie in unserem Beitrag „Wir haben Rechte – Fröbel-Leitbild für Kinder“ .
Wenn Kinder an Entwicklungsgesprächen beteiligt werden, erleben sie Wertschätzung und Selbstwirksamkeit. Sie erfahren, dass ihre Sicht auf die eigene Entwicklung zählt und ernst genommen wird. Gleichzeitig verändert sich der Blick aller Beteiligten: Der Fokus richtet sich auf die Stärken, Interessen und Kompetenzen des Kindes.

Zusätzlich lernen sie auch, ihre eigenen Lernerfolge und Bildungsprozesse wahrzunehmen und einzuschätzen. Sie reflektieren, was ihnen gelungen ist, worauf sie stolz sind und wie sie Herausforderungen gemeistert haben. Diese frühe Form der Selbstreflexion unterstützt Kinder dabei, ein Bewusstsein für das eigene Lernen zu entwickeln. Langfristig kann dies die Grundlage für tragfähige Lernstrategien bilden: Kinder erfahren, dass Lernen ein Prozess ist, den sie mitgestalten können. Diese Erfahrung wirkt sich positiv auf ihre Motivation, ihr Selbstvertrauen und ihr Lernen insgesamt aus – auch über die Zeit in der Kindertageseinrichtung hinaus.
Die Stärkensonne – Stärken sichtbar machen
Eine Methode, die diese Haltung besonders gut unterstützt, ist die Stärkensonne. Sie eignet sich als Einstieg in Entwicklungsgespräche und stellt die Ressourcen des Kindes bewusst in den Mittelpunkt. Das Bild der Sonne lädt dazu ein, gemeinsam zu überlegen: Wo strahlt das Kind? Was gelingt ihm besonders gut? Worin zeigt sich seine Einzigartigkeit?
Die Stärkensonne besteht aus mehreren Strahlen, die aus unterschiedlichen Perspektiven gefüllt werden:
Ein Teil der Strahlen wird von der pädagogischen Fachkraft vorbereitet, ein weiterer von den Familien beschrieben. Die verbleibenden Strahlen gestaltet das Kind selbst – begleitet und unterstützt, aber immer freiwillig. So entsteht ein gemeinsames Bild, das die Sichtweisen von Kind, Familie und Fachkraft zusammenführt.

Bereits die Vorbereitung ist Teil des Beteiligungsprozesses. Das Kind wird transparent informiert: Worum geht es im Gespräch? Wer ist dabei? Was passiert mit der Stärkensonne? Das Kind entscheidet selbst, ob und wie es mitmachen möchte. Diese Freiwilligkeit ist ein zentrales Prinzip der Methode.
Der Einsatz im Entwicklungsgespräch
Am Tag des Entwicklungsgesprächs wird das Kind bewusst einbezogen – etwa indem es bei der Raumvorbereitung hilft oder die Eltern in den Gesprächsraum begleitet. Das Gespräch beginnt mit der Stärkensonne. Das Kind kann selbst erzählen, was es gut kann, oder sich dabei unterstützen lassen. Auch Eltern und Fachkräfte bringen ihre Beobachtungen ein.
Wichtig ist dabei die Haltung: Es wird mit dem Kind gesprochen, nicht über das Kind. Überschneidungen in den benannten Stärken werden aufgegriffen und wertgeschätzt. Unterschiedliche Wahrnehmungen dürfen nebeneinanderstehen. Gerade darin liegt ein großer Gewinn – denn Kinder benennen Stärken oft anders als Erwachsene und eröffnen neue Perspektiven. Mehr über die Perspektiven von Kindern können Sie unserem Beitrag „‘Ich freu‘ mich auf die Pausen‘ – Was Kita-Kinder über die Schule denken“ lesen.
Nach diesem Einstieg verlässt das Kind das Gespräch und kehrt ins Spiel zurück. Auf der positiven Grundlage der gemeinsam benannten Stärken kann das anschließende Entwicklungsgespräch mit den Familien vertieft fortgeführt werden.
Regelmäßigkeit stärkt den individuellen Blick auf das Kind
Ein besonderer Mehrwert entsteht, wenn Entwicklungsgespräche regelmäßig stattfinden und die Ergebnisse dokumentiert werden. Die Stärkensonne wird im Portfolio des Kindes abgeheftet und kann im nächsten Jahr erneut betrachtet und weiterentwickelt werden. So wird Entwicklung über einen längeren Zeitraum sichtbar – für Kinder, Eltern und Fachkräfte.

Kinder können ihre eigenen Fortschritte nachvollziehen, vergleichen und stolz auf das sein, was sie gelernt haben. Diese Form der Rückschau stärkt die Selbstwahrnehmung und begleitet Übergänge, etwa in die Schule, auf wertschätzende Weise.
Durch regelmäßig geführte Entwicklungsgespräche wird der individuelle Blick auf das Kind gestärkt. Sie helfen dabei, Entwicklung kontinuierlich zu begleiten und individuelle Bildungsangebote und Materialien passgenau und ressourcenorientiert zu gestalten.
Entwicklungsgespräche schaffen Transparenz für die Familien
Für Familien ist Transparenz in pädagogischen Prozessen von großer Bedeutung. Sie wünschen sich nachvollziehen zu können, wie sich ihr Kind in der Kindertageseinrichtung entwickelt, womit es sich beschäftigt und welche Bildungserfahrungen es sammelt. Regelmäßige Entwicklungsgespräche schaffen hier Sicherheit und Vertrauen: Sie machen Entwicklung sichtbar, eröffnen Raum für Fragen und geben Eltern die Gewissheit, dass ihr Kind aufmerksam begleitet und individuell gefördert wird. Transparente Gespräche stärken so die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft und unterstützen Familien darin, die Entwicklung ihres Kindes mit Zuversicht zu begleiten.
Die Arbeit mit der Stärkensonne stärkt zudem die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit Familien. Eltern erleben sich als aktive Mitgestaltende und bringen ihre Perspektiven ein. Entwicklungsgespräche werden so zu einem gemeinsamen Prozess, getragen von Vertrauen, Offenheit und dem Blick auf die Ressourcen des Kindes.
Fazit
Regelmäßige Entwicklungsgespräche, die Kinder beteiligen und Familien einbeziehen, sind ein wesentlicher Bestandteil guter pädagogischer Praxis. Die Stärkensonne unterstützt dabei, Beteiligung konkret umzusetzen, Stärken sichtbar zu machen und Gespräche positiv zu eröffnen. So werden Entwicklungsgespräche zu einem Ort, an dem Kinder erleben: Ich bin wichtig. Meine Meinung zählt. Ich darf strahlen.
Der Beitrag wurde teilweise mit Unterstützung von KI erstellt.
Zum Weiterhören
Folge aus der Podcast-Reihe „Auf die ersten Jahre kommt es an“ : Kinderperspektiven berücksichtigen und wirklich ernst nehmen
Gastautor
Marco Maier ist Multiplikator für Kinderschutz in einem Fröbel-Kindergarten.
