Kommunikation und Sprache mit Kindern in besonderer Bedarfslage – Zusammenarbeit mit Familien
Dies ist der vierte Beitrag in der Reihe „Kommunikation und Sprache mit Kindern in besonderer Bedarfslage“. Hier geht es zum ersten, zweiten und dritten Teil der Reihe.
Ein Beitrag von Sandra Gaßen
Die Zusammenarbeit mit Familien ist ein zentraler Bestandteil einer Inklusiven Pädagogik, die alle willkommen heißt. Regelmäßige Angebote wie Informationsabende, Workshops oder Vorlesenachmittage bieten Familien die Möglichkeit, sich aktiv einzubringen und ihre Sprachen sowie kulturellen Hintergründe in die Gestaltung der Angebote einzuflechten. Beispiele für Aktivitäten und Materialien folgen.
- Willkommens- und Informationsmaterialien – Gestaltung von Willkommensplakaten und Informationsmaterialien in den verschiedenen Familiensprachen, um die Vielfalt der Kinder und Familien sichtbar zu machen und Zugehörigkeit zu fördern.
- Sprachförderung und -integration – Repräsentation der Familiensprachen durch Bereitstellung von mehrsprachigen Büchern und Materialien und die Einbindung von Eltern als Sprachvorbilder, beispielsweise durch Vorleseaktionen in den Familiensprachen.
- Interkulturelle Elternabende und Veranstaltungen – Organisation von kulturellen Abenden, bei denen alle Eltern ihre Familientraditionen vorstellen können. Feste und Feiertage der verschiedenen Familienkulturen in die Feiern der Einrichtung integrieren.
- Individuelle Gespräche – Durchführung von Aufnahmegesprächen, um die Hintergründe und Bedürfnisse der Familien zu verstehen und eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen sowie regelmäßige Entwicklungsgespräche durchzuführen.
- Einbindung der Eltern in den Alltag der Kindertageseinrichtung – Einladung der Eltern, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse einzubringen, beispielsweise durch das Teilen von Rezepten, Liedern oder Handwerkskünsten.

Die kombinierte Nutzung der oben ausgeführten Angebote unterstützt Kinder dabei mit sprachlichen Barrieren umzugehen und gleichzeitig ihre Kommunikationsfähigkeit zu verbessern.
Der OPOL-Ansatz
Ein möglicher Ansatz, den wir hier in Betracht ziehen möchten, ist der „One person, one Language“ (OPOL)-Ansatz, der sich auf das bilinguale Aufwachsen von Kindern konzentriert, deren Familiensprache nicht die deutsche Lautsprache ist. Die Vorteile des OPOL-Modells für bilinguale Erziehung umfassen eine klare Trennung der Sprachen, was Kindern hilft, diese effektiv zu unterscheiden und zu erlernen. Zudem wird eine natürliche Sprachentwicklung gefördert. Dies unterstützt nicht nur die Sprachkompetenz in beiden Sprachen, sondern auch die kognitive Entwicklung, indem es die Sprachverarbeitung und Aufmerksamkeit fördert. Dieser Ansatz sieht vor, dass jeder Elternteil mit dem Kind ausschließlich in einer bestimmten Sprache spricht. Zum Beispiel könnte die Mutter Französisch und der Vater Englisch verwenden. Es wird empfohlen, dass jede Person konsequent in ihrer stärksten und emotional tiefsten Sprache – der sogenannten „Herzsprache“ – mit dem Kind spricht. Die Herzsprache ist die Sprache, in der sich eine Person am natürlichsten ausdrückt, in der tiefste Emotionen geteilt werden und eine authentische Kommunikation stattfindet. Das hat den Vorteil, dass eine bessere interkulturelle Kompetenz und eine stärkere Beziehung zu den verwendeten Sprachen entstehen kann.
Bei z. B. einer Hörminderung oder einer geistigen Behinderung, die dazu führen, dass die deutsche Lautsprache nicht genutzt wird, sollten die Familien im engen Austausch mit den jeweiligen Frühförderstellen stehen und sich fachspezifische Beratung zu den individuellen Möglichkeiten der Sprachförderung einholen. Ebenso ist es von großer Bedeutung, dass die Kindertageseinrichtung sich, nach Absprache mit den Familien, mit den jeweiligen Stellen vernetzt, um von der Fachexpertise zu profitieren und spezifische Methoden im pädagogischen Alltag zu berücksichtigen.
Der TEACCH-Ansatz
Der TEACCH-Ansatz (Treatment and Education of Autistic and Communication Handicapped Children) ist eine strukturierte Methode, die speziell darauf ausgerichtet ist, Kinder mit Autismus und Herausforderungen in der Kommunikation zu unterstützen. Dieser Ansatz kann jedoch auch für Kinder mit allgemeinen Sprachbarrieren von großem Nutzen sein, da er eine klare und visuell unterstützte Lernumgebung schafft, die das Sprachverständnis und die Kommunikationsfähigkeiten fördert. Ein zentrales Element des TEACCH-Ansatzes ist die strukturierte Umgebung, die Kindern hilft, sich besser zu orientieren und Informationen gezielt zu verarbeiten. Durch klare visuelle Hilfsmittel und feste Routinen werden Abläufe vorhersehbar, was den Kindern Sicherheit gibt und ihnen ermöglicht, sich aktiv in den Tagesablauf einzubringen. Besonders die Visualisierung von Abläufen erleichtert es ihnen, Kommunikationsfähigkeiten zu erweitern und sprachliche Inhalte besser zu erfassen.

Visuelle Unterstützung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Ähnlich wie in der Unterstützten Kommunikation werden Bilder, Symbole und Grafiken eingesetzt, um sprachliche Inhalte verständlicher zu machen und als Brücke zur verbalen Kommunikation zu dienen. Diese visuelle Struktur bietet Kindern eine alternative Möglichkeit, sich auszudrücken, insbesondere dann, wenn verbale Kommunikation noch schwerfällt oder Unsicherheiten bestehen. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des TEACCH-Ansatzes ist die individuelle Anpassung der Förderung. Jedes Kind bringt unterschiedliche Bedürfnisse und Lernvoraussetzungen mit, weshalb Materialien und Methoden flexibel an den Entwicklungsstand und die individuellen Fähigkeiten angepasst werden. Durch diese gezielte Förderung können Sprachkompetenzen systematisch aufgebaut und gestärkt werden.
Die Einbindung von interaktiven Lernmethoden ist ein weiterer zentraler Aspekt. Spielerische und praxisnahe Aktivitäten, wie Rollenspiele oder kooperative Gruppenübungen, schaffen eine sichere und motivierende Umgebung, in der Kinder ihre sprachlichen Fähigkeiten erproben können. Dabei werden sie ermutigt, sich aktiv am Kommunikationsprozess zu beteiligen und soziale Interaktionen zu gestalten. Ein entscheidender Faktor für den Erfolg dieses Ansatzes ist die Einbeziehung der Eltern. Sie spielen eine wichtige Rolle in der sprachlichen Förderung ihrer Kinder, weshalb TEACCH auf eine enge Zusammenarbeit mit den Familien setzt. Eltern erhalten Strategien und Werkzeuge, um die Sprachentwicklung auch im häuslichen Umfeld zu unterstützen und die erworbenen Kommunikationsfähigkeiten in den Alltag zu integrieren.
Zudem fördert der Ansatz gezielt soziale Interaktionen, indem er Aktivitäten schafft, die den Austausch mit anderen Kindern erleichtern. Durch geplante Kommunikationsanlässe in einem strukturierten Umfeld lernen Kinder, Sprache im sozialen Kontext einzusetzen, wodurch ihre sprachlichen und sozialen Kompetenzen gleichzeitig gefördert werden. Insgesamt stellt der TEACCH-Ansatz eine umfassende Methode dar, die Kinder mit Sprachbarrieren dabei unterstützt, ihre Kommunikationsfähigkeiten gezielt weiterzuentwickeln. Durch die Kombination aus visueller Strukturierung, individueller Förderung, interaktiven Lernmethoden und der aktiven Einbindung von Eltern wird eine unterstützende Umgebung geschaffen, die Sprachentwicklung erleichtert und soziale Teilhabe stärkt.

Das Bewusstsein über die Auswirkungen sprachlicher Hürden auf die sozial-emotionale Entwicklung von Kindern sowie die gezielte Zusammenarbeit mit den Familien sind essenziell für die Teilhabe von Kindern. Die Wertschätzung sprachlicher und kultureller Vielfalt – beispielsweise durch die Einbindung verschiedener Sprachen, Geschichten, Materialien, Lieder und Feste im pädagogischen Alltag, fördert ein starkes Gemeinschaftsgefühl und stärkt die Akzeptanz von Unterschieden.
Kinder, die in einer Umgebung aufwachsen, die ihnen Sicherheit, Struktur und vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten bietet, können Sprachbarrieren leichter überwinden und sich aktiv in das soziale Miteinander einbringen.
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