Digitale Medien im Hort – Herausforderungen und Potenziale
Medienwelten als Kinderwelten
„Dürfen wir mit den Tablets arbeiten?“ Diese Frage hören pädagogische Fachkräfte in Horten immer häufiger. Digitale Medien durchdringen den Alltag von Grundschulkindern und prägen ihre Lebenswirklichkeit fundamental. Die Kultusministerkonferenz hat diese Entwicklung aufgegriffen und 2016 in ihrer Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ den kompetenten Umgang mit digitalen Medien offiziell als vierte Kulturtechnik neben Lesen, Schreiben und Rechnen definiert (KMK, 2016).
Die als „Digital Natives“ (Prensky, 2001) bezeichnete Generation wächst selbstverständlich mit digitalen Technologien auf – doch ihre Medienkompetenz ist keineswegs angeboren. „Es besteht der Bedarf, Kinder bei der Verarbeitung der zahlreichen Medieneindrücke und -erlebnisse zu unterstützen und sie frühzeitig zu einem kompetenten – persönlich verträglich und sozial angemessen – Umgang mit Medien zu befähigen.“ (Kunze/Schubert, 2014, S. 517).
Während für Kindergärten und Schulen bereits umfangreiche medienpädagogische Konzepte existieren, fehlen für den Hortbereich oft systematische Ansätze. Dieser Beitrag analysiert die spezifischen Rahmenbedingungen, Herausforderungen und Potenziale digitaler Medienarbeit im Hort und liefert evidenzbasierte, praxisnahe Handlungsempfehlungen.
Medienkompetenz im Hort: Was Kinder wirklich können
„Schau mal, ich hab’s gefilmt!“ Mit stolzem Blick zeigt ein Achtjähriger sein selbst aufgenommenes Video vom Hortfest. Grundschulkinder verfügen bereits über wesentliche kognitive und motorische Voraussetzungen für einen eigenständigen Medienumgang. „Kinder im Grundschulalter sind motorisch und intellektuell weitgehend in der Lage, selbstständig mit medientechnischen Geräten umzugehen. Die Unterstützung durch Erwachsene ist nur begrenzt notwendig“, bestätigt Lutz (2005, S. 77f).
Empirisch untermauert wird diese Einschätzung durch die DIVSI U9-Studie (2019): Bereits 28 Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen nutzen selbstständig Suchmaschinen. Bei den Acht- bis Neunjährigen haben sogar 76 Prozent der Kinder Erfahrung mit digitalen Medien wie Tablets oder Smartphones.
Diese technischen Fertigkeiten bedeuten jedoch nicht automatisch Medienkompetenz. Für eine kritische Reflexion medialer Inhalte, das Erkennen kommerzieller Interessen oder die Einschätzung von Risiken benötigen Grundschulkinder nach wie vor pädagogische Begleitung. Die technischen Bedienfähigkeiten entwickeln sich wesentlich schneller als die kritisch-reflexiven Kompetenzen.
Mögliche Reflexionsfragen zum Praxisbeispiel:
- Liegt für die Kinder im Video eine Fotoerlaubnis vor?
- Willst Du das Video noch schneiden?
- In welchem Umfeld wollen wir das Video zeigen oder auch nicht zeigen?
- Wie kam es zu deiner Kameraführung?
- Welche Gefühle weckt das Video bei den Zuschauenden?

Der Hort als idealer medienpädagogischer Handlungsraum
Der Hort nimmt als freizeitpädagogische Institution eine einzigartige Stellung zwischen Familie und Schule ein. Während Schulen vorrangig mediendidaktische Fragen fokussieren, sehen sich Horte „stärker in der Verantwortung, den alltäglichen und freizeitbezogenen Medienumgang von Kindern pädagogisch zu begleiten“ (Kunze & Schubert, 2014, S. 518).
Diese besondere Position bietet zentrale Vorteile für die medienpädagogische Arbeit:
Freiwilligkeit statt Leistungsdruck
Ohne Noten- und Zeitdruck wählen sie Themen, Geräte und Formate selbst, probieren aus, dürfen Fehler machen und erleben Selbstwirksamkeit. Pädagogische Fachkräfte begleiten impulsgebend und reflektierend, sichern Schutzrahmen wie Jugendmedienschutz und Datenschutz und stärken Partizipation bei der Themen- und Produktauswahl.
Verknüpfung von Spiel und Bildung
Medien werden spielerisch als Werkzeuge eingesetzt und an Alltagssituationen angebunden, sodass Kreativität, Problemlösen und kritische Reflexion zusammenwirken. So entsteht ganzheitliche Medienkompetenz vom Wahrnehmen über das Gestalten bis zum Bewerten, unterstützt durch das bewusste Verknüpfen analoger und digitaler Aktivitäten.
Zeitliche Flexibilität
Die zeitlichen Spielräume im Hort ermöglichen längere, explorative Medienprojekte mit Phasen der Ideenfindung, Produktion, Erprobung, Rückmeldung und Präsentation. Verlässliche Zeitfenster, geeignete Räume, transparente Nutzungsregeln sowie die Einbindung von Familien und lokalen Partnern sichern Kontinuität und Nachhaltigkeit.
Trotz dieser idealen Voraussetzungen verfügen laut Deutschem Jugendinstitut (DJI, 2022) nur 23 Prozent der befragten Horte über ein systematisches medienpädagogisches Konzept – ein eklatantes Missverhältnis zur wachsenden Bedeutung digitaler Medien im Leben der Kinder. Und auch längst nicht in jedem Kindergarten ist Mediendidaktik ein alltagsintegrierter und systematischer Bestandteil.
Kinderrechte im digitalen Raum: Der normative Kompass
„Darf ich das Foto von mir löschen?“ fragt eine Schülerin und deutet auf das Tablet. Ihre Frage berührt einen zentralen Punkt: Auch im digitalen Raum werden Kinderrechte konkret und erlebbar. Die UN-Kinderrechtskonvention bildet einen verbindlichen Rahmen, der in der analogen und digitalen Welt gleichermaßen gilt.
Zwischen Schutz und Teilhabe entfaltet sich ein Spannungsfeld, das pädagogische Fachkräfte täglich ausbalancieren müssen. Wenn Schülerinnen und Schüler ihr Recht auf Privatsphäre einfordern, dann üben sie sich gleichzeitig darin für ihre Rechte einzustehen und sich digital abgrenzen zu können. Gleichzeitig wollen andere Kinder ihre kreativen Medienprodukte stolz teilen – ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben.
Das Deutsche Institut für Menschenrechte (2020) betont: Die digitale Welt erfordert keine neuen Kinderrechte, sondern eine zeitgemäße Interpretation der bestehenden. Praktisch bedeutet dies für den Hortalltag ein Umdenken. Statt Verbote in den Vordergrund zu stellen („Handys sind hier nicht erlaubt“), geht es um die aktive Gestaltung von Medienräumen, in denen Kinder ihre Rechte wahrnehmen können. Wenn Horte die Nutzung von persönlichen Geräten einschränken, dann sollte es auch institutionell organisierte Alternativen geben.
Im Zentrum steht dabei die digitale Gleichberechtigung. Wenn im Hort Tablets bereitstehen, die alle Kinder nutzen können, wird das Recht auf Gleichbehandlung (Art. 2) lebendig – unabhängig davon, ob ein Kind zuhause Zugang zu digitalen Medien hat. Digitale Teilhabe wird zum sozialen Ausgleich.
„Wir haben herausgefunden, dass…“, berichtet ein Drittklässler begeistert nach einer Recherche mit einer kindgerechten Suchmaschine. Das Recht auf Information (Art. 13) materialisiert sich in zugänglichen, altersgerechten digitalen Wissensquellen. Gleichzeitig schützt eine durchdachte Infrastruktur – bei Fröbel etwa durch das Mobile Device Management – vor ungeeigneten Inhalten und schützt so das Recht auf Schutz vor entwicklungsbeeinträchtigenden Einflüssen.
Besonders ausdrucksstark wird die Verbindung von Kinderrechten und Medienpädagogik, wenn Kinder selbst kreieren und gestalten. Im Hort entwickelten Grundschulkinder beispielsweise einen „Digitalen Rechte Kompass“ – ein selbst gestaltetes Plakat, das ihre Rechte im Umgang mit Medien illustriert. Von „Ich darf sagen, wenn mir ein Spiel Angst macht“ bis „Ich kann meine Ideen mit dem Tablet zeigen“ übersetzten sie abstrakte Rechte in ihre Alltagssprache. Dabei wird auch über persönliche Erfahrungen mit den Kinderechten im Kontext Medien gesprochen.
Praktisch bedeutet die Orientierung an Kinderrechten ein kontinuierliches Abwägen: Wenn ein Kind ein Computerspiel spielt, berührt dies sein Recht auf Freizeit und Spiel (Art. 31). Gleichzeitig muss sichergestellt sein, dass das Spiel entwicklungsförderlich ist und keine manipulativen Mechanismen enthält – hier greift das Recht auf Schutz (Art. 19). Die pädagogische Kunst liegt darin, nicht eines gegen das andere auszuspielen, sondern beides zu verwirklichen. Erfahren Sie mehr zu diesem Thema in unserem Blogbeitrag “Kinderrechte in der digitalen Welt”.
Risiken erkennen und begegnen
Die bunte Oberfläche digitaler Angebote verbirgt oft sehr durchdachte Mechanismen, die gezielt auf die Psychologie von Kindern abzielen. Je attraktiver und spielerischer die digitalen Welten erscheinen, desto wichtiger wird es, hinter die Kulissen zu blicken und ihre versteckten Wirkungsweisen zu verstehen. Medienpädagogische Arbeit im Hort muss daher neben den Potenzialen auch die spezifischen Risiken digitaler Medien im Blick behalten.

Manipulative Medieninhalte
Die folgenden Beispiele sollen einen Einblick in manipulative Mechanismen von bekannten Apps wie TikTok, Snapchat, Facebook oder Whatsapp geben. Auch Handyspiele wie Fortnite oder Roblox sind nicht frei von Manipulation. An dieser nur exemplarisch erwähnten Auswahl wird bereits ersichtlich, dass Manipulation längst nicht vor den bei Kindern besonders beliebten Apps halt macht, sonderrn uns alle betrifft.
Tägliche Belohnungssysteme
Besonders bedenklich sind die manipulativen Designstrategien, die viele populäre Apps und Spiele durchziehen. „Streak“-Mechaniken belohnen tägliches Einloggen mit virtuellen Gegenständen, Autoplay-Funktionen verlängern die Bildschirmzeit durch automatisches Weiterspielen des nächsten Videos und glücksspielähnliche „Lootboxen“ wecken eine Sammelleidenschaft mit Suchtpotenzial.
Dopamin Ausschüttung im Sekundentakt
Apps wie TikTok setzen auf schnelle Glücksreize durch Dopamin, den körpereigenen „Belohnungsstoff“. Eine Studie der Universität Kalifornien (2023) zeigte, dass kurze, unvorhersehbare Videos das Dopaminsystem stark aktivieren – ähnlich wie bei anderen Suchtverhalten. Der kontinuierliche Strom neuer Inhalte bietet Kindern ständig Belohnungen, was dazu führt, dass sie alltägliche Tätigkeiten als langweilig empfinden. Algorithmen wie die von TikTok oder YouTube „Shorts“ verstärken diesen Effekt, indem sie gezielt die ansprechendsten Videos anzeigen.
So entsteht eine kontinuierliche „Dopamin-Welle“, die das Abschalten erschwert und zum ständigen Weiterschauen verführt.
FOMO – Die Angst, etwas zu verpassen
Die „Fear of Missing Out“ (FOMO) ist ein starker psychologischer Mechanismus, der auch bei Kindern bereits die Social-Media-Nutzung antreibt: Eine Studie der Cardiff University mit 9- bis 11-Jährigen fand einen Zusammenhang zwischen „FOMO“ und Social-Media-Engagement. 82 % der befragten Kinder nutzten Social Media (D’Lima & Higgins, 2021). Funktionen wie Gruppenchats, „Zuletzt online“, „Online“-Status und Lesebestätigungen erhöhen den sozialen Druck, schnell zu reagieren und „dranzubleiben“. Kinder wie Erwachsenen, sollte gleichermaßen bewusst sein, dass diese Mechanismen unser Nutzungsverhalten maßgeblich beeinflussen.
Weitere Risiken
Fake News und KI-generierte Inhalte
Neben manipulativen Mechanismen, stellt die Flut an Falschinformationen eine wachsende Herausforderung dar. Die Fähigkeit, Wahres von Manipuliertem zu unterscheiden, wird in Zeiten von Deepfakes und KI-generierten Inhalten zur Schlüsselkompetenz. Die Stiftung Warentest (2023) belegt, dass bereits Grundschulkinder regelmäßig mit manipulierten Inhalten konfrontiert werden – oft ohne sie als solche zu erkennen.
Projektidee:
Ein besonders wirkungsvoller Ansatz in der Hortpraxis: Kinder werden selbst zu „Fake-Produzenten“. Mit einfachen Bildbearbeitungs-Apps erstellen sie fantasievolle Montagen – sich selbst auf dem Mond, neben einem Dinosaurier oder am Strand. Anschließend analysieren sie gemeinsam, woran man die Bearbeitung erkennen kann. „Der Schatten stimmt nicht“, „Das Licht kommt von verschiedenen Seiten“ – durch eigenes Gestalten entwickeln sie einen geschärften Blick für Authentizität. Die Frage „Ist das echt oder gefaked?“ wird zu einem selbstverständlichen Teil ihrer Medienkritik.
Datenschutz
Die dritte zentrale Herausforderung betrifft den Datenschutz – für Kinder oft ein schwer greifbares Konzept. Warum sollte es problematisch sein, seinen Namen oder sein Alter anzugeben? Der Deutsche Kinderschutzbund (2020) empfiehlt, Datenschutz nicht als abstraktes Regelwerk zu vermitteln, sondern als persönliches Recht erfahrbar zu machen.
Projektidee:
Im „Datendetektiv“-Projekt eines Horts untersuchen Kinder verschiedene Apps und Webseiten und markieren mit grünen und roten Klebepunkten, welche Datenabfragen sie für angemessen oder problematisch halten. Besonders eindrücklich ist ein anschließendes Rollenspiel: Die Kinder notieren persönliche Informationen auf Zetteln und geben sie bei verschiedenen „Stationen“ ab – für ein Spiel, einen Chat, ein Gewinnspiel. Sie diskutieren anschließend, ob die Informationen ihre Identität preisgeben und wieviel sie bereit waren von sich Preis zu geben.

Verbieten oder Fördern?
Die Frage nach dem richtigen Umgang mit digitalen Medien führt oft zu verhärteten Fronten: Auf der einen Seite steht die Position des konsequenten Verbietens, auf der anderen Seite die des proaktiven Förderns.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) empfiehlt in ihrer aktuellen interdisziplinären Analyse ein striktes Nutzungsverbot sozialer Medien für Kinder unter 13 Jahren. Die Begründung liegt in ihrer erhöhten Verwundbarkeit gegenüber manipulativen Designmechanismen, dem Risiko suchtähnlicher Nutzungsmuster und negativen Effekten auf Schlaf und Alltagsfunktionen.
Demgegenüber argumentiert die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) gegen pauschale Verbote und plädiert für einen differenzierten Ansatz: Situative, mit Kindern gemeinsam entwickelte Regeln, systematische Medienbildung und medienpädagogische Kompetenz im Team. Diese Position betont, dass Kinder digitale Medien ohnehin nutzen – die Frage ist nur, ob mit oder ohne pädagogische Begleitung.
Die Forderungen der GMK in Kürze:
- Partizipation stärken: Schüler*innen an Medienregeln beteiligen
- Medienbildung verankern: Medienkompetenzförderung in alle Lehrpläne
- Schulen ausstatten: Medienpädagog*innen im Kollegium etablieren
- Lehrkräfte qualifizieren: Medienpädagogik in Aus- und Fortbildung integrieren
- Situativ regeln: Gezielte und bewusste Smartphonenutzung ermöglichen
- Inklusion fördern: Vertraute Geräte für Teilhabe einsetzen
- Lebensweltorientierung gewährleisten: Smartphones als integralen Alltagsbestandteil anerkennen
- Eltern einbeziehen: Medienbildung gemeinsam mit Erziehenden gestalten
- Unterschiede berücksichtigen: Regelungen an jede Schule anpassen
Für den Hortalltag erweist sich ein abgestufter Doppelansatz als besonders praxistauglich:
Für Kinder unter 13 Jahren:
- Keine private Social-Media-Nutzung im Hort
- Einrichtung eines „Handy-Parkplatzes“ für mitgebrachte Geräte
- Digitale Aktivitäten ausschließlich angeleitet und pädagogisch begleitet
- Fokus auf kreative Medienprojekte mit einem Schwerpunkt auf aktiver Mediengestaltung und -reflexion
Von Konsumierenden zu Produzierenden: Aktivierende Medienarbeit
Ein Schlüsselelement erfolgreicher Medienpädagogik im Hort ist – wie bereits erwähnt – der Wechsel von passivem Konsum zu aktiver Gestaltung. Im Zuge dessen werden Kinder selbst zu Medienproduzent/-innen und lernen, die Entstehungsprozesse und Strukturen von Medien zu durchschauen, ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse zu artikulieren und diese kreativ zu bearbeiten.
Digitale Forscherwerkstatt
In einer wöchentlichen „Digitalen Forscherwerkstatt“ können Kinder mit Tablets, digitalen Mikroskopen und einfachen Programmier-Sets eigene Forschungsfragen verfolgen. Die Stiftung „Kinder forschen“ (Haus der kleinen Forscher, 2022) empfiehlt dabei ausdrücklich die Kombination analoger und digitaler Erfahrungen: Kinder sammeln zuerst Naturmaterialien, untersuchen diese dann digital und dokumentieren ihre Entdeckungen in einer Forscherkartei – digital wie analog. Digitale Werkzeuge sind im Grundschulalter besonders dann lernförderlich, wenn sie eigenständiges Erkunden ermöglichen und mit haptischen Erfahrungen verknüpft werden.
Kreative Medienproduktion
Die JIM-Studie 2022 (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2022) zeigt einen klaren Zusammenhang: Kinder, die selbst Medieninhalte produzieren, entwickeln ein tieferes Verständnis für Medienstrukturen und reflektieren Medienangebote kritischer. Konkrete Projekte können sein:
Trickfilm-Werkstatt:
Mit Stop-Motion-Apps erstellen Kinder kurze Animationsfilme zu selbstgewählten Themen. Besonders eindrucksvoll sind Projekte, bei denen Kinder gesellschaftliche Themen wie Umweltschutz oder Freundschaft in animierten Geschichten umsetzen.
Schul-Podcast-Projekt:
Interviews mit Personen aus dem schulischen Umfeld aufnehmen und zu einer Sendung verarbeiten. Dies fördert nicht nur technische Kompetenzen, sondern auch journalistisches Denken und Sprachfähigkeiten.
Digital Storytelling:
Mit Bildbearbeitungs-Apps eigene Geschichten illustrieren und vertonen. Durch die Kombination von Text, Bild und Ton entsteht ein multimediales Erlebnis, das verschiedene Lerntypen anspricht.
Bei all diesen Projekten gilt: Viele Produktionsschritte können Kinder selbst bewerkstelligen. Je älter und erfahrener sie sind, desto selbstständiger können sie die entsprechende Hard- und Software bedienen.

Digitale Kommunikation
Digitale Kommunikationsformen können gezielt für pädagogische Zwecke genutzt werden. Besonders für zurückhaltende Kinder bieten digitale Kommunikationswege neue Ausdrucksmöglichkeiten, wie die Initiative „Gutes Aufwachsen mit Medien“ des BMFSFJ (2021) hervorhebt. Ein erfolgreiches Projekt in mehreren Horten war der digitale Austausch mit Partnereinrichtungen: Kinder dokumentierten ihren Alltag in kurzen Videos und tauschten diese mit Kindern anderer Horte aus. Dies förderte nicht nur Medienkompetenz, sondern auch interkulturelles Verständnis und Sprachkompetenzen.
Fazit: Digitale Bildung im Hort – eine pädagogische Notwendigkeit
Die digitale Transformation durchdringt alle Lebensbereiche und macht auch vor Kindheitswelten nicht halt. Medienkompetenz ist keine Zusatzqualifikation mehr, sondern fundamentale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Der Hort kann durch seine freizeitpädagogische Ausrichtung einzigartige Lernräume eröffnen, in denen Kinder digitale Medien reflektiert und kreativ nutzen lernen.
Eine ausgewogene Balance zwischen Schutz und Befähigung bildet den Kern gelingender Medienpädagogik. Weder vollständige Abschirmung von digitalen Medien noch deren unkritische Übernahme werden der komplexen Realität gerecht. Vielmehr bedarf es eines differenzierten Ansatzes, der altersspezifische Schutzmechanismen mit progressiver Kompetenzförderung verbindet.
Für eine systematische Implementierung digitaler Bildung im Hort sind unterschiedliche Faktoren entscheidend:
Erstens braucht es strukturelle Rahmenbedingungen – verlässliche Zeitfenster, geeignete Räumlichkeiten und konzeptionelle Verankerung in der pädagogischen Ausrichtung. Die Diskrepanz zwischen der Medienrealität von Kindern und dem Fehlen systematischer Konzepte in über drei Vierteln der Horte verdeutlicht den dringenden Handlungsbedarf.
Zweitens ist eine professionelle technische Infrastruktur unverzichtbar. Mobile Device Management-Systeme, wie sie bei Fröbel eingesetzt werden, gewährleisten nicht nur Datenschutz und Sicherheit, sondern auch Chancengerechtigkeit und ermöglichen es pädagogischen Fachkräften, sich auf ihre Kernkompetenz zu konzentrieren.
Drittens erweist sich die Qualifikation pädagogischer Fachkräfte als entscheidender Erfolgsfaktor. Systematische Fort- und Weiterbildungskonzepte, kollegiale Beratung und die Etablierung von Medienexpertinnen und -experten in Teams können hier Abhilfe schaffen. Dabei geht es nicht primär um technisches Wissen, sondern um medienpädagogische Kompetenz.
Viertens ist die systematische Verankerung im pädagogischen Konzept des Hortes eine entscheidende Grundlage für nachhaltige Medienbildung. Ein fundiertes medienpädagogisches Konzept geht über spontane Einzelaktionen hinaus und schafft verbindliche Strukturen, in denen Medienbildung als Querschnittsaufgabe verstanden wird. Es definiert klare pädagogische Ziele, verknüpft diese mit konkreten Maßnahmen und etabliert regelmäßige Evaluationsschleifen zur Qualitätssicherung.
Dabei sollte das Konzept partizipativ entwickelt werden – unter Einbeziehung des gesamten Teams, der Kinder und idealerweise auch der Eltern. Ein solches Konzept bietet Orientierung im pädagogischen Alltag, schafft Handlungssicherheit für Fachkräfte und gewährleistet Kontinuität über personelle Wechsel hinweg. Zudem ermöglicht es die systematische Verknüpfung von Medienpädagogik mit anderen Bildungsbereichen – von Sprachförderung über naturwissenschaftliche Bildung bis hin zu sozialen Kompetenzen.
Die Zusammenarbeit mit Eltern stellt einen weiteren Schlüsselaspekt dar. Eine transparente Kommunikation über medienpädagogische Konzepte, regelmäßige Elternbildungsangebote und der offene Dialog können Brücken zwischen institutioneller und familiärer Medienerziehung schlagen. Horte können dabei als Kompetenzzentren fungieren, die Eltern beraten und in ihren Erziehungskompetenzen stärken.
In einer Welt, in der digitale Technologien zunehmend über Bildungs- und Teilhabechancen entscheiden, kann es sich kein Bildungsort leisten, digitale Medienbildung zu vernachlässigen. Der Hort hat das Potenzial, ein besonders wirksamer Ort digitaler Bildung zu sein – wenn er diesen Auftrag aktiv annimmt. Medienkompetenz ist letztlich eine Form von Lebenskompetenz in der digitalen Gesellschaft. Sie zu fördern bedeutet, Kinder zu befähigen, die digitale Welt selbstbestimmt, kritisch und kreativ zu gestalten – statt von ihr gestaltet zu werden.
Verweise
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Deutsches Institut für Menschenrechte (2020). Kinderrechte in der digitalen Welt. Berlin. https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/im-fokus/kinderrechte-in-der-digitalen-welt
DJI – Deutsches Jugendinstitut (2022). Digitalisierung in der Kindertagesbetreuung. München. https://www.dji.de/ueber-uns/projekte/projekte/auswirkungen-von-digitalisierung-in-der-kinder-und-jugendarbeit.html
DIVSI – Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (2019). DIVSI U9-Studie: Kinder in der digitalen Welt. Hamburg.
https://www.divsi.de/publikationen/studien/divsi-u9-studie-kinder-der-digitalen-welt/index.html
GMK – Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (2023). Positionspapier: Regulieren statt Verbieten – Smartphones und Handys in Bildungskontexten. Bielefeld.
https://www.gmk-net.de/2025/06/18/regulieren-statt-verbieten/
KMK – Kultusministerkonferenz (2016). Bildung in der digitalen Welt: Strategie der Kultusministerkonferenz. Berlin.
https://www.kmk.org/themen/bildung-in-der-digitalen-welt/strategie-bildung-in-der-digitalen-welt.html
Kunze, K. & Schubert, G. (2014). Medienpädagogische Arbeit im Hort. In A. Tillmann, S. Fleischer & K.-U. Hugger (Hrsg.), Handbuch Kinder und Medien, Digitale Kultur und Kommunikation 1 (S. 517-529). Wiesbaden: Springer.
Lutz, K. (2005). Medienarbeit mit Kindern – Impulse aus der Praxis. In G. Anfang, K. Demmler & K. Lutz (Hrsg.), Mit Kamera, Maus und Mikro. Medienarbeit mit Kindern (S. 76-83). München: kopaed.
Maza, J., Harrison, B. & Renfrew, M. (2023). Variable reward rate and dopamine signaling in social media engagement. University of California Behavioral Neuroscience Laboratory.
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0306460323000217
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2022). JIM-Studie 2022: Jugend, Information, Medien. Stuttgart. https://mpfs.de/studie/jim-studie-2022/
MiKA – Mediennutzung im Kinderalltag (2021). Forschungsbericht zur digitalen Mediennutzung und Medienkompetenz von Grundschulkindern. Berlin: Fraunhofer Institut. https://www.bibb.de/de/186279.php
Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2023). Soziale Medien und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen: Eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme. https://www.kinderrechte.digital/fileadmin/user_upload/2025_Diskussionspapier_Soziale_Medien.pdf
Prensky, M. (2001). Digital Natives, Digital Immigrants. On the Horizon,
Stiftung Haus der kleinen Forscher (2022). Digitale Bildung für nachhaltige Entwicklung. Berlin.
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